Kategorie-Archiv: Graphic Novel

Mann gegen Teller

highnoon

Ein japanischer Geschäftsmann will seinen Magen beglücken. Er vertritt die Auffassung, die kleinen, lokal geführten Läden seien viel besser als gehypte modische Restaurants.

Und so ist er zwischen seinen Terminen in Tokyo auf der Suche nach Perlen guter, hausgemachter Kost. Er ist: Der Gourmet.

Ein Restaurant zu betreten ist dabei ein Abenteuer. Wer weiß was die Stammgäste denken? Was steht auf der Speisekarte? Welches Gericht wird am besten schmecken? Wie groß ist die Portion? Wird es am Ende sehr teuer?

Heldenhaft stellt sich der Mann dabei jedem Teller. Ob hoffnungslos überladen, anders gefüllt als gedacht oder von seltsamen Kunden umgeben.

Ich habe von dem Buch vor allem einen tieferen Einblick in japanische Gerichte und japanische Esskultur erwartet. Diese Erwartung wurde erfüllt.

Dennoch war mir das Buch etwas zu sehr aufs bloße Essen beschränkt und auch die Hauptfigur weckte bei mir kaum Interesse. Die eingeflochtene kleine Liebesgeschichte empfand ich denn auch als lahm.

Dennoch habe ich das Buch regelrecht verschlungen. Ich fand es sympathisch nach welchen Kriterien die Restaurants ausgewählt wurden. Und ich habe die detailreichen Bilder der Umgebung und der Gerichte genossen.

Empfehlen kann ich das Buch Japan-Fans, kulinarisch Neugierigen und angehenden Restaurantkritikern.

3 pfoten copy

Punk up!

punkalive

So verschiedene Welten. Die Graphic Novel PIL ist sehr humorvoll und doch keine leichte Kost.  Liebenswerte Charaktere geben Einblick in Unterschiede zwischen den Generationen, in unterschiedliche Lebensverhältnisse, Kennzeichen falscher und echter Freundschaft und in eine Haltung namens Punk.

Nanami wächst bei ihrem Großvater Toku auf. Er ist ihr fürsorglich zugetan und doch stellt sich immer wieder die Frage, wer hier für wen sorgen muss. Als Nanami spät nach Hause kommt, muss sie sich erstmal auf die Suche nach Toku machen. Dieser ist in die kalte Nacht gelaufen um Nanami zu finden…

Geld ist für Toku zum Ausgeben da und Nanami muss darum kämpfen, dass für die notwendigen Dinge auch noch etwas bleibt.

Nanami rebelliert gegen die strengen Regeln in ihrer katholischen Schule und die engen Rollenvorstellungen. Als sie wiederholt wegen zu langer Haare ins Lehrerzimmer bestellt wird, hat sie eine radikale Antwort darauf.

Doch eigentlich folgt sie nur ihrem Wunsch sich selbst auszudrücken und ihren Traum zu verwirklichen. Nanami möchte unbedingt nach London um die Punkbands dort zu treffen.

Eine fünfpfotige Leseempfehlung für diese sensibel beobachtete, humorvolle Graphic Novel!

5 pfoten copy

 

Vor dem Lebensende

besonderejahre

Die letzten Lebensjahre sind Besondere Jahre. In ihrer Graphic Novel zeichnet Joyce Farmer die letzten Lebensjahre ihrer Eltern auf.

Sie helfen sich gegenseitig und organisieren ihren Alltag um ihre Gebrechen. Nicht perfekt, aber glücklich. Doch der Gesundheitszustand von Rachel und Lars wird zusehend schlechter. Ihre Tochter Laura kümmert sich immer mehr um die beiden und bemüht sich Ihnen dennoch die Eigenständigkeit zu erhalten.

Weil sie zu Hause ihre Medikamente nicht eingenommen hat, erblindet Rachel. Irgendwann wird die schwierige Entscheidung getroffen sie ins Pflegeheim zu bringen. Doch dort führt ein Versäumnis zu einem fatalen Sturz aus dem Bett.

Bei Lars wird Lungenkrebs aufgrund gesundheitsschädlicher Arbeitsbedingungen festgestellt. Laura will ihn auf jeden Fall zu Hause  pflegen.

Diese Graphic Novel gibt einen Einblick ins Alter. In die Freuden ebenso wie auf die Fallstricke einer zunehmend beschränkten Existenz.

Es gibt nicht den richtigen, perfekten Umgang mit diesem Lebensabschnitt. Doch vor dem Lebensende kann noch viel Glück liegen. Neue Freundschaften, und alte. Das Beibehalten alter Ansichten und die Veränderung. Die Erinnerung an Erlebtes, die Weitergabe von Liebgewonnenem.

Die Autorin berichtet ehrlich und unverstellt von der Begleitung zweier Menschen vor dem Lebensende. Besonders beeindruckend ist der offene Umgang mit dem nahen Tod von Lars, und welchen Frieden er den Beteiligten trotz aller Trauer bringt.

Ich empfehle das Buch mit fünf Pfoten!

5 pfoten copy

 

Fun Home

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Die eigene Kindheit ist im Rückblick eine unübersichtliche Landschaft, bevölkert mit prägenden Ereignissen, Momenten der Selbstentdeckung und des ständigen Wiederentdeckens der Umwelt mit neuen, gewachsenen Augen.
Die Eltern sind mehr als die ersten wichtigen Menschen. Sie sind die Unabdingbaren. Von ihnen geht die Reise der Ichwerdung aus.

Alison Bechdel erzählt in Fun Home von ihrer Kindheit und Ihrem Erwachsenwerden. Mittelpunkt ist dabei ihre Beziehung zu Ihrem Vater Bruce Bechdel, der unter verdächtigen Umständen starb. In der Erinnerungslandschaft ihrer Kindheit und in zahlreichen Dokumenten seines Lebens, sucht sie zu ergründen wer ihr Vater war und wer er für seine Familie und sie selbst war.

Alison Bechdel erfasst die Freude und die Traurigkeit des Familienlebens in allen Zwischentönen. Die Ichwerdung der Kinder ist darin eine Dynamik deren Einfluss wohl nur durch die Lebenspläne der Eltern übertroffen wird.

Der Titel evoziert eine Zweideutigkeit. Fun Home bezieht sich zum einen auf das englische Worten Fun (=Spaß) und auf eine Abkürzung für Funeral Home (=Beerdigungsinstitut). Ein solches leitete der Vater von Alison Bechdel. Dies machte nicht nur Tote zum Bestandteil des Alltags der Familie. Es band sie auch an die Provinzstadt Beech Creek.

Bruce Bechdel verbarg seine Homosexualität, die in Pennsylvania erst seit 1980 als legal anerkannt wird. Als Alison ihrer Familie mitteilt, dass sie lesbisch ist bekommt das Gebäude dieser Verleugnung schnell Risse.

Ein persönliches, berührendes und dabei künstlerisch, philosophisch und gesellschaftlich hoch relevantes Buch, dessen Lektüre Vergnügen und Erkenntnis bereithält! Ich empfehle es mit fünf Pfoten!

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The own childhood is in review a landscape hard to overlook. It is inhabited by imprinting events, moments of self-discovery and the constant re-discovery of the surronding world with new, grown eyes. The parents are more than the first important persons. They are the inevitable ones. From them, the journey of becoming oneself originates.

Alison Bechdel describes her childhood and her coming of age focused on her relationship with her father Bruce Bechdel, who died under suspicious circumstances. In the landsacpe of her childhood memories and in many documents of his life, she tries to find traces of who her father was, who he was for his family and herself.

In Fun Home Alison Bechdel grasps the joy and sorrow of living as a familiy in all its shades. The children growing up as individuals is a dynamic in families only overpowered by the parents‘ scheme of life.

Bruce Bechdel hid his homosexuality, which is only recognized as legal in Pennsylvania since 1980. When Alison informed her family that she is a lesbian, the structure of this denial is severly weakened.

This book is personal, moving and highly relevant, artistically, philosophically and societal. The reader is provided with cognition and delight! I highly recommend it!

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Der Weihnachtsmann empfiehlt

weihnachtsmann

Das Fest kommt näher und näher, die Lieferzeiten werden länger und länger, die Kaufhäuser voller und voller und die Zeit knapper und knapper. Aber es gibt Läden mit großer Auswahl, die noch dazu innerhalb eines Tages jegliche nicht vorrätige Geschenkidee bestellen…die Buchhandlungen!

Und für jeden der gerne liest ist ein Buch ein schönes Geschenk. Übrigens auch für die, die gerade lesen lernen. Und auch für alle,  die Vorlesern lauschen.

Welches Buch geeignet ist, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Aber die gute Nachricht ist, dass es nicht nur das eine geeignete Buch gibt.

Für die Sinne und die Besinnlichkeit empfehle ich einen tollen Bildband aus dem Hatje Cantz Verlag: Presence. Christine Turnauer hat in beeindruckenden Schwarz/Weiß Aufnahmen berührende Porträts von Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen fotographiert. Das Verbindende, das durch Vertrauen gewonnen wird und alle Unterschiedlichkeit aufhebt macht die Bilder zu einer philosophischen Erfahrung.

Für Jugendliche empfehle ich den Band 1 der Mangareihe No.6, erschienen bei Egmont Manga (EMA). Eine schön gezeichnete und erzählte Geschichte um einen Jungen der zur Elite seiner Gesellschaft gehört. Eines Nachts hilft er einem Fliehenden. Und aus seinem unbestimmten Gefühl, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt wird Gewissheit.

Für Erstleser empfehle ich die Reihe Büchersterne aus dem Oetinger Verlag. Zur einfachen Ausahl sind die Bände nach Schulalter gestaffelt. Die Texte sind aus der Kinderliteratur bekannter AutorInnen. Die Texte sind altersgerecht mit großer Schrift und einfachem Satzbau abgedruckt. Von Astrid Lindgren gibt es zum Beispiel Michels Unfug Nummer 325 zu lesen.

Die wortgewandte, atemberaubend gut gezeichnete Graphic Novel Fun Home von Alison Bechdel ist meine besondere Empfehlung. Eine Geschichte über die Dynamik von familiären Strukturen. Gesagtes und Ungesagtes, gelebtes und ungelebtes innerhalb dieser entscheidenden Gemeinschaft prägt tief. Wer über liebenswerte Marotten genauso lesen möchte wie über Schmerzen der Seele, über Gender wie über Liebe, über Moral und Tabu wie über sexuelle Identität, der wird aus diesem Buch eine Menge mitnehmen.

Zwischen Abgrund und Euphorie

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In der Graphic Novel „Meine Tassen im Schrank“ schreibt und zeichnet  Ellen Forney über ihr Leben zwischen Abgrund und Euphorie. Meistens sprüht Ellen vor Energie und beginnt mehr Projekte als sie zu Ende bringen kann. Sie schläft wenig, geht Risiken ein, und unternimmt sehr viel. Dann wiederum ist sie so niedergeschlagen und traurig, dass sie kaum aus dem Bett kommt. Kurz vor ihrem dreissigsten Geburtstag beginnt sie daran zu zweifeln, dass es ihr wirklich gut geht. Als ihre Psychiaterin ihr mitteilt, dass sie an einer bipolaren Störung leide sieht Ellen sich gezwungen sich mit dem was sie selbst ausmacht auseinanderzusetzen. Will sie die Diagnose annehmen? Will sie ihre euphorischen Phasen, die künstlerisch so produktiv sind wirklich zügeln? Will sie ihre Gewohnheiten ändern? Gar Psychopharmaka schlucken?

Meine Tassen im Schrank“ beeindruckt durch die offene und humorvolle Weise in der Ellen Forney aus ihrem Leben erzählt. Ihre Darstellungen von den beiden Extremen der Gefühlsskala scheinen mir geeignet selbst dem ausgeglichensten Menschen ein Gefühl für sie zu geben.

Was Ellen Forney über sich und über andere Künstler schreibt die an bipolarer oder unipolarer Depression litten, ergibt einen wichtigen Einblick, nicht nur in die Frage in welcher Verbindung Genie und Wahnsinn stehen. Sondern auch in die Lebensgefahr die von diesen Krankheiten ausgeht.

Eine fünfpfotige Leseempfehlung für diese herausragende Graphic Novel!

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Maris Tagebuch – von Schlaubergern umzingelt

mariMari ist ein tolles Mädchen. Sie hat was im Kopf, ist kreativ und ein echter Kumpel.

Ihr Leben ist ziemlich chaotisch. Ihr Vater schreibt schnulzige Bestseller, ihre Schwester ist eine berühme Violinistin. Und nun verreist auch noch ihre Mutter für 6 Monate um die Welt zu retten.

Zum Glück hat sie eine Freundin die überall den Durchblick hat: Spicka, die beste Abschreiberin der Schule! Und eine Freundin auf die man sich trotz ihrer düsteren Bewusstheit des globalen Elends verlassen kann…oder? Vielleicht ist Elsa auch zu den Superschlauen Mitschülern aus der E-Klasse übergelaufen.

Wie auch immer, Mari und ihre Freundinnen lavieren sich durch Berge von Hausaufgaben, Dumme Bemerkungen und: die Klassenfahrt des Grauens.

Bin ich blöd oder was?!“ ist ein ganz toller Comicroman in Tagebuchform. Mari ist eine Heldin von der man bisher noch nicht gelesen hat. Sie glänzt von innen und kümmert sich nicht um Äußerlichkeiten.

Olivia Viewegs Zeichnungen sind erstklassig: Ausdrucksstark, humorvoll und unkonventionell. Wie Mari.

Maris Tagebuch ist Gregs Tagebuch absolut ebenbürtig und für alle Jugendlichen zu empfehlen, die mal wieder so richtig über die Schule lachen wollen. Und ganz nebenbei Inspiration fürs Zeichnen sammeln wollen.

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Unterwasserwelt

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Auf dem Gelände eines Tierfriedhofes wurde ein Schwimmbad gebaut. Es ist wunderbar groß. Es hat riesige Becken, eine exotische Begrünung und Glaskuppeln als Firmament.

Die Anlage, der Bademeister, die Wasserballspieler, die Synchronschwimmerinnen, die kleineren Kinder mit ihren Schwimmflügel und Wassernudeln: von alldem hat jeder der Schwimmbäder kennt schon einmal etwas gesehen. Aber hier ist es großartiger.

Beim Tauchen im Schwimmbad die Tiefen zu erforschen, wie ein Wal oder ein Delphin, im Schwimmbad zu übernachten, dort Schätze zu finden oder Geheimnisse zu lüften – das sind Träume die in diesem Schwimmbad wahr werden.

Gefährlich wahr. Denn immer wieder verschwindet jemand im wuchernden Grün und in den abgrundtiefen Becken.

Die Graphic Novel „Eine nautische Fabel“ ist für mich die Entdeckung des Sommers. Atmosphärisch dicht, spannend und humorvoll geschrieben und gezeichnet von Marine Blandin.

Eine fünfpfotige Leseempfehlung!

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Von der Grausamkeit

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Antoinette kehrt zurück in den Ort ihrer Kindheit. Sie lebt in den USA, nicht zufällig weit von diesem Ort entfernt. Normalerweise verleugnet sie ihre Vergangenheit einfach. Doch sie wird noch immer von ihr verfolgt.

Und eines Tages erkennt sie, dass sie ihr jüngeres Selbst aus diesem Ort befreien muss. Und sie kehrt noch einmal zurück.

Zurück zu denen, die sie damals als Schülerin so grausam verfolgt haben. Sie ausgeschlossen haben, gedemütigt, verfolgt. Zurück zu den inzwischen saturierten Erwachsenen deren Taten sie noch immer verfolgen.

Olivia Vieweg findet kraftvolle Bilder für die grausamen Taten der Jugendlichen, für die wegsehenden Erwachsenen und für die grausame Wirkung des Mobbings, welches die Opfer oft eine lange Zeit ihres Lebens nicht loslässt.

Es hat wohl jeder schon einmal Erfahrung mit Mobbing gemacht. Ob im Kindergarten, in der Schule oder im Beruf. Immer wieder wird Mobbing geduldet oder sogar gefördert. Dabei wäre es so wichtig hier Präventions- und Aufklärungsarbeit zu leisten. Dieses Buch leistet das ganz ohne Pädagogik oder Erklärungen – es zieht den Leser in die Vergangenheit von Antoinette hinein und vermittelt die Erfahrung von Mobbing so direkt wie nur möglich.

Eine fünfpfotige Leseempfehlung für diese wunderschöne, hochkünstlerisch, humorvoll und einfallsreich gezeichnete Graphic Novel zu einem sehr wichtigen Thema!

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Ich:unbekannt

ich-unbekannt

 

In der Graphic Novel Wie ein leeres Blatt sitzt eine junge Frau auf einer Bank – und bemerkt plötzlich, dass sie nicht mehr weiß wer sie ist. In der Welt findet Eloise sich zurecht: sie weiß wie man die Métro benutzt, wie ein Handy bedient wird, kann sich an Bücher und Filme erinnern. Aber alles das ihre Persönlichkeit, ihre Lebensgeschichte, ihre Freunde und ihre Familie betrifft ist weg.

Eloise wagt sich also in ein Leben voller Unbekanntem. Immer wieder, wenn sie vor der fremden (eigenen) Wohnung steht oder zum fremden (eigenen) Arbeitsplatz fährt, macht sie einen mutigen Sprung ins kalte Wasser. Nicht ohne vorher in rasend schnellen Gedankenspielen überlegt zu haben, was sie alles erwarten könnte.

Was wäre wenn ich von mir nichts wüsste und meinem Leben, meiner Wohnung und meinen Freunden begegnen würde? Wie würde ich bewerten was ich sehe?Und wenn ich alles vergessen hätte, wie Eloise, was aus meinem Leben würde ich wiederentdecken wollen? Und was würde ich lieber verändern?

Die schön gezeichnete Graphic Novel spielt mit dem Thema Identität. Sie ist bis zur letzten Seite spannend und immer wieder sehr humorvoll.

Enttäuscht hat mich die kurze Episode in der Eloise ihrer Persönlichkeit in einer Gruppentherapie auf die Spur kommen will. Sie strotzt nur so vor Distanzierung vor den klischeehaft gezeichneten „Irren“.

Ich empfehle “ Wie ein leeres Blatt “  mit vier Pfoten!

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