Ein Abgrund, in dem die Gesellschaft umkommen kann

In seinem 1942 veröffentlichten Roman Der Fremde beschreibt Albert Camus aus der Ich-Perspektive seiner Hauptfigur Mersault wie dieser gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft in Widersprüche gerät, die letztlich dazu führen, daß er zum Tode verurteilt wird. Im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe schrieb Camus bezüglich der Aussage des Fremden: „In unserer Gesellschaft setzt sich jeder Mensch, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weint, der Gefahr aus, zum Tode verurteilt zu werden“. Mersault, ein lediger Büroangestellter bekommt eines Tages ein Telegramm aus dem Altenheim, welches ihn über den Tod seiner Mutter informiert. Er nimmt sich zwei Tage Urlaub um zur Totenwache und anschließenden Beerdigung zu fahren. Es ist heiß, er ist übermüdet und er verhält sich nicht den Konventionen entsprechend, womit er ständig Anstoß erregt, (er weint nicht, möchte die Tote nicht noch einmal sehen, raucht bei der Totenwache, weiß nicht wie alt sie war). Mersault möchte mit den anderen im Einklang sein, ihre Sympathie gewinnen, aber er beherrscht die dazu notwendigen Gesten und Rituale nicht und wird außerdem stark durch seine körperlichen Bedürfnisse beansprucht. Am Tag nach der Beerdigung geht er schwimmen und beginnt ein Verhältnis mit einer jungen Frau, Marie Cardona. Sie ist kurzzeitig verstört, als sie erfährt, daß er am vorangegangenen Tag seine Mutter beerdigt hat, und Mersault stellt fest, daß man „sowieso immer ein bißchen schuldig“ ist. Er hat den Eindruck, daß sich durch den Tod seiner Mutter „nichts geändert hätte“ und setzt sein Leben den üblichen Gewohnheiten gemäß fort. Nach einem gewöhnlichen Arbeitstag trifft Mersault seinen Flurnachbarn Raymond Sintes, einen hitzigen jungen Mann, der im Viertel als Zuhälter verrufen ist. Dieser lädt ihn zum Essen ein und bittet ihn, einen Brief an seine ehemalige Geliebte aufzusetzen, um sie zu ihm zu locken. Er möchte sich an ihr rächen, weil sie ihn betrogen habe, er sie aber immer noch begehrt. Mersault erlebt Raymond als ihm gegenüber freundlich und sieht keinen Grund die Bitte abzuschlagen. Über das Vorhaben des anderen urteilt er rein formal: er kann den Wunsch nach Rache nachvollziehen und hält die Methode für erfolgsversprechend. Raymond sieht ihn daraufhin als seinen Freund. Schon am nächsten Tag gelingt das Rachevorhaben: Raymond verprügelt die Frau. Bald darauf lädt Raymond Mersault und Marie zu einem Tag im Strandhaus seines Freundes ein. Zunächst verläuft dieser Tag sehr positiv. Mersault genießt die Sonne und das Schwimmen mit Marie bei dem er große Nähe zu ihr empfindet. Am Nachmittag treffen er und die beiden anderen Männer jedoch bei einem Strandspaziergang auf eine Gruppe von Arabern, die das von Raymond verprügelte Mädchen rächen wollen. Einer von ihnen verletzt Raymond mit einem Messer, worauf beide Seiten sich zurückziehen. Um zu verhindern, daß Raymond auf die Araber schießt, nimmt Mersault seinen Revolver an sich. Da ihm die Atmosphäre im Strandhaus jedoch unerträglich erscheint, bleibt er alleine am Strand und kehrt im Taumel der unerträglichen Hitze zum Ort der Auseinandersetzung zurück. Nur einer der Araber ist noch da, der, als er Mersault sieht, ihm zur Warnung sein Messer zeigt. Mersault fühlt jedoch „nur noch die Beckenschläge der Sonne auf [seiner] … Stirn“, sieht undeutlich das bedrohliche Messer und umklammert den Revolver, worauf der Abzug nachgibt und ein tödlicher Schuß fällt. Er feuert noch vier weitere Schüsse auf den Toten ab. Mersault wird verhaftet, und ein Untersuchungsverfahren wird eingeleitet. Das Mersault bei der Beerdigung seiner Mutter “ Gefühllosigkeit an den Tag gelegt hätte“ stellt sich schon zu Beginn als das entscheidende Kriterium zur Bewertung seines Falles heraus. Der Pflichtverteidiger möchte ihn daher zur Unehrlichkeit überreden, doch Mersault spielt das Spiel nicht mit: er weigert sich zu lügen. „er weigert sich, seine Gefühle zu verhehlen, und sogleich fühlt die Gesellschaft sich bedroht.“ Der Untersuchungsrichter, ein überzeugter Christ, möchte Mersault zur Reue bewegen, damit Gott ihm vergeben kann, doch Mersault glaubt nicht an Gott und empfindet „eher als wirkliche Reue einen gewissen Verdruß“. In der Hauptverhandlung hat Mersault den Eindruck, daß alle sich unterhalten „wie in einem Club“ und er der einzig überflüssige, ein Eindringling ist. Er spürt, wie stark er von den anderen verabscheut wird und versteht in diesem Moment, daß er in ihren Augen schuldig ist. In seiner Abschlußrede fordert der Staatsanwalt Mersaults Tod, da „die Leere des Herzens, wie sie bei diesem Mann zu beobachten ist, ein Abgrund wird, in dem die Gesellschaft umkommen kann.“ 
Mersault lebt von Anfang an nach Camus Moral der Quantität, ohne daß eine Krise des Überdrusses oder ein Erwachen des absurden Bewußtseins thematisch würde. Für ihn zählt einzig das Gegenwärtige, welches er ohne Hoffnung oder Bedauern auslebt. Er scheitert in einer Gesellschaft, die ihn kraft ihrer heuchlerischen christlichen Moral verurteilt. Ausschlaggebend ist dabei nicht der Mord an einem Araber, sondern das unangepaßte, dem gesellschaftlichen Konsens widersprechende Selbstverständnis von Mersault. Die Gesellschaft sieht sich durch die Demontage ihres moralischen Horizontes gefährdet und fordert seinen Tod. Camus schreibt dazu in seinen Tagebüchern: „Sie haben deshalb beschlossen, Tugend zu nennen, was der Einrichtung der von ihnen gewünschten Gesellschaftsordnung dient. … [Meine Abrechnung] mit dieser Auffassung … bildet das Thema des Fremden.“ 

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