Das Dilemma von Entwurzelung, innerer Zerrissenheit und Ideologie,

Beginnen will ich mit einem meiner Lieblingsautoren: Fjodor Dostojewskij. Nietzsche sagte von ihm, er sei der einzige Psychologe, von dem er etwas zu lernen hatte.

Fjodor Dostojevskij Die Dämonen

Stepan Trofimowitsch Werchowenskij ist ein liberaler Schöngeist. Er lebt auf Kosten der Generalin und Gutsbesitzerin Warwara Petrowna. Einst war er der Hauslehrer ihrer Kinder, nun halten sie gemeinsam literarische Hausabende ab. Aus der Verflechtung von Warwaras aufbrausender Natur und Stepans gefühlsbetonten labilen Charakter entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit, eine Haßliebe, die durchaus auch eine Liebe hätte werden können. Die nachfolgende Generation (des höheren Standes)hat im Liberalismus Ästhetizismus und Desinteresse der Vätergeneration die Verwurzelung mit der russischen Natur verloren und ist dem Nihilismus verfallen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, welch ein Weh und welch heiliger Zorn die ganze Seele ergreift, wenn eine große Idee, die sie schon lange als heilig erkannt haben, plötzlich von Tölpeln aufgegriffen und zu ebensolchen Dummköpfen, wie sie selber sind, auf die Straße hinausgeschleppt wird und sie dann plötzlich diese Ihre Idee gänzlich unkenntlich auf dem Trödelmarkt wiedertreffen, in den Schmutz gezogen“ empört sich Stepan Trofimowitsch über diesen neuen Ungeist. Pjotr Stephanowitsch, sein Sohn, ist eben ein solcher Dämon, dem die Ideen nicht heilig sind. Er lebt für die Idee einer elitären Revolution, die in einem Totalitarismus enden soll. Sehr geschickt verstrickt er die gesamte Stadt in seinen Fäden und versucht jeden für seine Zwecke zu mißbrauchen. Nikolaj Wsewolodowitsch Stawrogin, der Sohn von Warwara, ist ebenfalls dem Nihilismus verfallen. Er quält sich in seinem Wunsch an Gott glauben zu können und sucht sich selbst zu quälen, sich eine möglichst große Last aufzuladen. Er erträgt seine Entwurzelung nicht: er würde „lieber bei Christus als bei der Wahrheit bleiben“ und geißelt sich für seine Unfähigkeit mit einer niederträchtigen Tat deren Last schließlich ausreicht sich selbst zugrunde zu richten. Alexej Nilytsch Kirillow schließlich möchte Freiheit für sich und die Menschheit erringen. Er möchte sich umbringen um den Menschen zu zeigen, daß sie frei und glücklich sind. Das alles gut ist, weil alles gleichgültig ist: „Das Leben wird jetzt für Schmerz und Angst gegeben, und hierin liegt der ganze Betrug. Jetzt ist der Mensch noch nicht jener Mensch. Es wird einen neuen Menschen geben, einen glücklichen und stolzen. Wem es ganz gleich sein wird, ob er lebt oder nicht, der wird ein neuer Mensch sein. Wer Schmerz und Angst überwindet, wird selbst ein Gott sein. Aber jener Gott wird nicht sein.“
Dostojewskij hat in seinem Roman faszinierende Charaktere geschaffen und sehr präzise und hellsichtig das Dilemma von Entwurzelung, innerer Zerrissenheit und Ideologie beschrieben. Der Roman hat einen enormen Umfang und ist dabei unübersichtlich und gebrochen. Es lohnt sich jedoch, sich durch einige Längen in der Personenbeschreibung durchzukämpfen. Erhellend ist auch die Erkenntnis, daß Dostojewskij zunächst Stepan Trofimowitsch als Hauptfigur gestaltet hat, im späteren Schreibverlauf (zu diesem Zeitpunkt waren erste Teile des Romans schon veröffentlicht) jedoch Nikolaj Wsewelodowitsch zu seiner Hauptfigur machte. Überhaupt ist Dostojewskij ein Autor, bei dem es sich stets lohnt auch den biographischen Hintergründen Beachtung zu schenken.

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