Kategorie-Archiv: Kunst

Besondere Post

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Wer würde sich nicht darüber freuen mal wieder einen schönen Brief oder wenigstens eine Postkarte aus dem Briefkasten zu ziehen? Stattdessen teilen sich dort die knallbunten Flyer von verschiedenen Lieferservices den Platz mit einheitsgrauen Rechnungen und Mahnungen.

Doch es gibt einen Ausweg: öfter mal wieder Post verschicken. Und da über den neusten Urlaub schon alle über Instagram die Bilder erhalten und alle anderen Neuigkeiten über facebook, google+ oder Threema geteilt wurden kann man sich getrost einer neuen Briefform zuwenden: der Kunst.

Die Künstlerin Keri Smith hat dazu Postkarten gestaltet, die zum eigenen Gestalten und Interagieren, ja sogar manchmal zu kleinen Abenteuern des Alltags anregen. Mir hat diese Sammlung sehr gefallen. Die Vorlagen von Keri Smith sind immer nur Ausgangspunkt für eigene Ideen. Die Karten werden so gut, wie ihr sie macht!

Insbesondere die Karte zur ausgedachten Zukunft, zur Wunschpersönlichkeit, zum Treffen im echten Leben, zur Skulptur und zum Thema: Ich als Superheld, Du als Bösewicht. Die Deutsche Post könnte ich mir als Sponsor zur Karte vorstellen, die möglichst oft hin und her geschickt werden soll.

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Gutschein zum versüßen einer überfälligen Trennung

Da mir nicht alle Karten so gut gefallen gibt es vier Pfoten. Das ist immer noch eine klare Empfehlung mal wieder eine Postkarte zu verschicken! Legt los!

4 w pfoten

 

Presence

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Presence ist ein Buch, das man keinesfalls von vorne nach hinten durchsehen sollte. Zunächst empfehle ich einige der großformatigen Schwarzweißbilder zu betrachten. Danach vielleicht eine Pause machen. Dann wieder einige ansehen. Dann vielleicht ans Ende des Buches gehen und zu der kleinen Übersicht blättern, auf der die Porträts noch einmal klein abgedruckt ist, und lesen wem man darauf begegnet ist. Dann wieder einige Porträts betrachten. Nach einiger Zeit kann man dann auch den Text von Christine Turnauer oder Frank Horvat lesen. Dann wieder in den Bildern versinken. Und sich freuen, dass es so viele faszinierende Menschen gibt die man kennenlernen könnte.

 

Eine vierpfotige Empfehlung für diesen wundervollen Bildband!

4 w pfoten

Der Weihnachtsmann empfiehlt

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Das Fest kommt näher und näher, die Lieferzeiten werden länger und länger, die Kaufhäuser voller und voller und die Zeit knapper und knapper. Aber es gibt Läden mit großer Auswahl, die noch dazu innerhalb eines Tages jegliche nicht vorrätige Geschenkidee bestellen…die Buchhandlungen!

Und für jeden der gerne liest ist ein Buch ein schönes Geschenk. Übrigens auch für die, die gerade lesen lernen. Und auch für alle,  die Vorlesern lauschen.

Welches Buch geeignet ist, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Aber die gute Nachricht ist, dass es nicht nur das eine geeignete Buch gibt.

Für die Sinne und die Besinnlichkeit empfehle ich einen tollen Bildband aus dem Hatje Cantz Verlag: Presence. Christine Turnauer hat in beeindruckenden Schwarz/Weiß Aufnahmen berührende Porträts von Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen fotographiert. Das Verbindende, das durch Vertrauen gewonnen wird und alle Unterschiedlichkeit aufhebt macht die Bilder zu einer philosophischen Erfahrung.

Für Jugendliche empfehle ich den Band 1 der Mangareihe No.6, erschienen bei Egmont Manga (EMA). Eine schön gezeichnete und erzählte Geschichte um einen Jungen der zur Elite seiner Gesellschaft gehört. Eines Nachts hilft er einem Fliehenden. Und aus seinem unbestimmten Gefühl, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt wird Gewissheit.

Für Erstleser empfehle ich die Reihe Büchersterne aus dem Oetinger Verlag. Zur einfachen Ausahl sind die Bände nach Schulalter gestaffelt. Die Texte sind aus der Kinderliteratur bekannter AutorInnen. Die Texte sind altersgerecht mit großer Schrift und einfachem Satzbau abgedruckt. Von Astrid Lindgren gibt es zum Beispiel Michels Unfug Nummer 325 zu lesen.

Die wortgewandte, atemberaubend gut gezeichnete Graphic Novel Fun Home von Alison Bechdel ist meine besondere Empfehlung. Eine Geschichte über die Dynamik von familiären Strukturen. Gesagtes und Ungesagtes, gelebtes und ungelebtes innerhalb dieser entscheidenden Gemeinschaft prägt tief. Wer über liebenswerte Marotten genauso lesen möchte wie über Schmerzen der Seele, über Gender wie über Liebe, über Moral und Tabu wie über sexuelle Identität, der wird aus diesem Buch eine Menge mitnehmen.

Zwischen Abgrund und Euphorie

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In der Graphic Novel „Meine Tassen im Schrank“ schreibt und zeichnet  Ellen Forney über ihr Leben zwischen Abgrund und Euphorie. Meistens sprüht Ellen vor Energie und beginnt mehr Projekte als sie zu Ende bringen kann. Sie schläft wenig, geht Risiken ein, und unternimmt sehr viel. Dann wiederum ist sie so niedergeschlagen und traurig, dass sie kaum aus dem Bett kommt. Kurz vor ihrem dreissigsten Geburtstag beginnt sie daran zu zweifeln, dass es ihr wirklich gut geht. Als ihre Psychiaterin ihr mitteilt, dass sie an einer bipolaren Störung leide sieht Ellen sich gezwungen sich mit dem was sie selbst ausmacht auseinanderzusetzen. Will sie die Diagnose annehmen? Will sie ihre euphorischen Phasen, die künstlerisch so produktiv sind wirklich zügeln? Will sie ihre Gewohnheiten ändern? Gar Psychopharmaka schlucken?

Meine Tassen im Schrank“ beeindruckt durch die offene und humorvolle Weise in der Ellen Forney aus ihrem Leben erzählt. Ihre Darstellungen von den beiden Extremen der Gefühlsskala scheinen mir geeignet selbst dem ausgeglichensten Menschen ein Gefühl für sie zu geben.

Was Ellen Forney über sich und über andere Künstler schreibt die an bipolarer oder unipolarer Depression litten, ergibt einen wichtigen Einblick, nicht nur in die Frage in welcher Verbindung Genie und Wahnsinn stehen. Sondern auch in die Lebensgefahr die von diesen Krankheiten ausgeht.

Eine fünfpfotige Leseempfehlung für diese herausragende Graphic Novel!

5 pfoten copy

 

 

Die Magie des Träumens

traumsammlerinDie Wollsammler sind magische Wesen. Sie leben auf Wiesen und sammeln die Träume und Gedanken, die Menschen verloren gehen.

Bei Kiepenheuer und Witsch ist ein großartiges, poetisches, bibliophiles Büchlein von Patti Smith erschienen: „Traumsammlerin„.

In diesem Buch schreibt Patti Smith über das Träumen. Sie schreibt über ihre Kindheit, über das Zeichnen und Dichten. Und über die Magie des Sich-verlierens an den Moment oder an Gedanken. Glück aber auch Schmerz, Verlust und Traurigkeit beschreibt sie erhellend und unsentimental. Ergänzt werden die Texte durch Fotos aus dem Besitz der Autorin.

Es gelingt Patti Smith das magische Denken, die Kinderspiele greifbar zu machen als einen vergessenen Schatz. Mit Ernst betrachten die Kinder die Welt, doch dieser Ernst ist lebendig und freudig: „Wie glücklich wir doch als Kinder sind. Wie die Stimme der Vernunft dieses Licht verdunkelt“ (S.103). Die poetische Beschreibung dieser kindlichen Sicht auf die Welt gelingt Patti Smith so herausragend gut, dass die eigene Erinnerung sich wieder rührt.

Patti Smith beschreibt die Entstehung von Zeichnungen und Texten aus dem Abschreiben, hineinversetzen, davonschweben in Gedanken: „Ich gestehe allerdings, das mich das Unterfangen müde machte, und ich zu einem Ort driftete, der präsenter war als ich, die dasaß und pflichtbewusst nähte, während meine Finger den Faden verloren und sich zu meinen Gedanken gesellten – anderswohin“ (S.52).

Die Träume und Gedanken die den Menschen verloren gehen sind wertvoll. Das  Kind träumt mit Leichtigkeit. Doch auch für Erwachsene ist diese Leichtigkeit zugänglich. Patti Smith erlebt mit Ihren Kindern, dass sie noch fliegen kann und lässt sich „übers Gras schweben (…), auch wenn es allen schien, dass ich noch unter ihnen war, umhüllt von menschlichen Pflichten, mit beiden Füßen auf dem Boden“ (S.105).Eine fünfpfotige Leseempfehlung für alle TräumerInnen!!!

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Die Schönheit der Vergänglichkeit

narcissus_2Narcissus #2  Lydia Goldblatt  (from: Still Here, Hatje Cantz )

In unserer Gesellschaft gilt das Junge als schön und unschuldig. Das Alter wird ausgeblendet. Dort wo ältere Menschen dargestellt werden, sollen sie fit und vital und sogar jugendlich wirken.

Vergessen ist, dass die Jahre neben dem Alter auch Weisheit bringen könnten.  Ältere haben einen Schatz an Lebenserfahrungen. Und sie stehen in ihrem Leben an einem besonderen Punkt. Allein weil sie dem Lebensende nahe stehen ist ihr Blick auf die Welt und auf ihr eigenes Tun ein ganz anderer als der eines jungen Menschen.

Lydia Goldblatt hat in ihrer Fotoserie mit dem Titel „Still here“ ihre alten Eltern aufgenommen. Die Bilder verkitschen nicht. Krankheit und Schwäche, Zeichen des Alters werden nicht ausgeblendet. Die Bilder zeigen Menschen, die die Spuren ihrer Jahre tragen. Sie sind schön und würdevoll.

Die Vergänglichkeit prägt sich dem Menschen ein und gehört zu ihm. Die Jahre des Lebens führen zu immer neuen Metamorphosen. Aus Angst vor der Vergänglichkeit laufen wir Gefahr ihre Schönheit zu übersehen.

Lydia Goldblatt erinnert uns mit „Still here“ auf eindringliche Weise daran.

Wir sind noch hier, wie der Regen, das Licht auf einem Vorhang oder ein geschätzter Gegenstand. Eine fünfpfotige Empfehlung für diesen wunderschönen Bildband!

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Welt in Farbe

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Mongolei, Ulaanbaatar. Der Finanzminister des unabhaengigen Staats Mongolei auf dem Marktplatz, Stéphane Passet, 22. Juli 1913
Musée Albert-Kahn, Frankreich

Schwarzweißfotografie, so sagt man, hat eine besondere Authentizität. Sie gebe die Farben der Welt nicht verfälscht wieder. Ihre Grauabstufungen ermöglichten eine bessere Darstellung des Wesentlichen.

Schwarzweißfotos aus früheren Zeiten jedoch haben einen Mangel. Sie entrücken das Dargestellte. Die Gesichter scheinen uns wie  griechische Mamorfiguren. Die Kleidung  wie die von alten Puppen. Die Fotos sind aus ihrer Zeit, aus ihrem Kontext, in unsere gefallen. Und während ein Zeitgenosse die grauen Schattierungen gleich dem gewohnten Gegenstand hätte zuordnen können gelingt uns das nicht.

Welche Textur eine zusammengeflickte Lumpenhose oder die Herrenstrümpfe des viktorianischen Zeitalters hatten, das können wir nicht ermessen. Und auch in viele Posen und Gesten anderer Zeiten können wir uns nicht hineinversetzen.

Aus all diesen Gründen ist das Buch „Welt in Farbe – Fotografie vor dem Krieg„, erschienen bei Hatje Cantz, eine Entdeckung.

In diesen Fotografien rücken die Menschen plötzlich über die Jahrhunderte hinweg an uns heran. Eine Wiese ist eine Wiese, ein Stoff ein Stoff und ein Gesicht ein Gesicht.

Ganz unmittelbar wird uns die Alltäglichkeit dieser anderen Zeit bewusst. Man atmete keine marmorne Luft und trug keine Puppenkleider.

Diese Fotografien sind ein Schatz der Kulturen. Sie zeigen Menschen aus aller Welt , Fischer, Bauern, Kinder, Mönche, Herrscher einer längst Vergangenen Epoche. Doch ihre traditionelle Kleidung, ihr Handwerk, ihre Umgebung scheint so selbstverständlich wie die des Nachbarn. Die Gesichter so lebendig und vertraut wie die auf Klassenfotos.

Auch heutige Fotografen können von diesen Bildern lernen, die zwar Fremdes zeigen, denen es aber gelingt die Distanz zu diesem Fremden aufzubrechen statt sie zu betonen. Es ist nicht nur die Farbigkeit der Fotos, es ist auch die Intention des Fotografen die entscheidet.

Albert Kahn, ein reicher Banquier förderte Fotografen die und lies „Les Archives de la planète“anlegen um die Völkerverständigung zu fördern.

Ich empfehle das Buch mit fünf Pfoten

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Sie.Selbst.Nackt.

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Im Hatje Cantz Verlag ist ein spannender Kunstband erschienen, der eine gravierende Lücke schließt.

Obschon Künstlerinnen aus aller Welt  sich im Laufe der Zeit immer besser mit ihren Werken durchsetzen und etablieren konnten ist die Kunst- und Ausstellungs- Welt noch immer männlich dominiert.

Die berühmte Frage der „Gorilla Girls“ ob Frauen nackt sein müssen um in ein Museum zu kommen (also als Akt) stellt sich noch immer. Und auch weil ihre Bilder seltener ausgestellt werden fällt es auch fleißigen Museumsbesuchern oft schwer, mehr als drei oder vier Künstlerinnen aufzulisten.

Wie viel auf diese Weise dem Betrachter entgehen kann sieht er im nun vorliegenden Katalog Sie. Selbst. Nackt. Paula Modersohn-Becker und andere Künstlerinnen im Selbstakt 

Viele Geschichten sind in der Kunst noch nicht erzählt, und viel gibt es bei den Künstlerinnen zu entdecken. Denn sie beleuchten den Status Quo kritisch und aus neuen Blickwinkeln.

Nun werden faszinierende Künstlerinnen ab 1900 bis zur Gegenwart vorgestellt die sich Selbst nackt malten.

Erzählt wird außerdem die Geschichte der weiblich-künstlerischen Emanzipation, die mit der Darstellung nackter Frauen eng verbunden ist. 

Akademien schlossen Frauen als Studentinnen lange Zeit aus.  Das Bild der nackten Frau war somit männlich dominiert. Frauen wurden zumeist als Objekte, Akte ohne Gesicht dargestellt. Auch menschen verachtende Praktiken wie Sklavenmärkte oder Menschenhandel wurden für Maler zum unkritischen erotischen Sujet.

Künstlerinnen haben dagegen Sich selbst  nackt dargestellt und somit ihre Persönlichkeit mit ihren Gefühlen und Wünschen nicht ausgeblendet. Wie auch die Selbstakte männlicher Künstler haben diese Darstellungen weit mehr Tiefe als die bloß objektivierende eines gesichtslosen Aktes.

Das Buch überzeugt mit 157 hochwertigen Abbildungen und sehr informativen gut recherchierten  Texten. 

Und es macht Lust auf die Ausstellung, die seit dem 20.10.2013, und noch bis zum 2.2.2014 im Paula Modersohn-Becker Museum gezeigt wird: Sie. Selbst. Nackt. Paula Modersohn-Becker und andere Künstlerinnen im Selbstakt

Eine fünfpfotige Leseempfehlung und fünf Sterne für das hervorragende Werk das den Zugang zu vielen Künstlerinnen eröffnet die man vielleicht vorher noch nicht kannte.

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Im Musée d‘ Orsay wird übrigens zur Zeit (24 September 2013 bis 2 Januar 2014) eine Ausstellung zur männlichen Nacktheit in der Kunstgeschichte gezeigt. Kritische Stimmen bemängeln, dass hier die Nacktheit als Aufhänger zum  Verkauf fungiert. Ich muss sagen, dass ich den Perspektiv-wechsel so erfrischend finde, dass er erhöhte Aufmerksamkeit verdient. Zugleich wird bewusst, dass der Vermarktung des Nackten nie ganz zu entgehen ist.

 

Charlotte Salomon – Leben? Oder Theater?

Die Bilder von Charlotte Salomon haben mich tief beeindruckt, schon als ich sie auf einem Handydisplay sah. Auf der documenta 13 konnte ich dann etwa 48 Gouachen von ihr im Original sehen. Ich beschloss wenn möglich die ganze Geschichte dieses genialen künstlerisch-biographischen Theaterstücks kennenzulernen. Da die Gouachen jedoch sehr empfindlich sind, werden sie in der Charlotte Salomon Stiftung in Amsterdam im Archiv aufbewahrt und nur stückweise in Ausstellungen gezeigt.
Aber zum Glück ist im Prestel Verlag ein Band erschienen, der sämtliche Bilder versammelt. leider leider ist er inzwischen vergriffen, aber ich konnte ihn antiquarisch bekommen.
Charlotte Salomon hat ein Singspiel (Theaterstück mit Musik) geschrieben und gemalt, es sind Blätter zu wichtigen Themen ihrer Biographie, versammelt unter der grundlegenden Frage „Leben? Oder Theater?“
Im Leben von Charlotte Salomon gab es viel grausame Absurdität.
Ihre Mutter erzählte ihr sehnsüchtig vom Jenseits, bevor sie sich aus dem Fenster stürzte und sie war nicht die einzige Frau aus der Familie, die in solch tiefe Verzweiflung stürzte, auch Charlotte Salomons Tante, ihre Cousine und zuletzt ihre Großmutter begingen Selbstmord.
Charlotte Salomon setzt sich mit diesen düsteren Ereignissen meisterhaft auseinander. In einem Bild sieht man die Mutter im Bett, wie sie ihrer Tochter vom Jenseits erzählt, es ist die Szene einer Gute-Nacht-Geschichte. Doch die Tochter, der die Sehnsucht der Mutter nach diesem Ort nicht entgeht, stellt eine Bedingung: Die Mutter soll ihr schreiben, wie es im Jenseits ist, und ihr den Brief auf die Fensterbank legen. Im Bild steigt die Mutter als Engel aus dem Jenseits und erfüllt diesen Wunsch. Im Bett hält die Tochter die Mutter fest im Blick: sie will den Kontakt, will ihre Mutter nicht verlieren.
Dann jedoch passiert das Unglück und Charlotte Salomon hat in einem Bild den Prozess dieses Selbstmordes dargestellt. Die Füße der Mutter auf der Fensterbank, den Blick in die Tiefe. Der Blick von unten auf die Silhouette der Frau am Fenster, der Weg vom Bett an das Fenster. Das Bild erfasst die Atmosphäre dieser letzten Tat so genau wie ich es noch nie gesehen habe. Die Mischung aus Flucht, Verzweiflung, Willenlosigkeit und Getriebenheit. Im nächsten Bild zeigt Charlotte Salomon den aufgeschlagenen Körper, alles Leben und Handeln ist vorbei, die Mutter ist tot. 
Auf einem anderen Bild hat Charlotte Salomon dargestellt, wie übermächtig der Gedanke an den Tod der Mutter das Mädchen verfolgt. Ein großes Skelett nimmt das ganze Bild ein, dahinter sieht man das kleine Mädchen durch den Flur des Hauses laufen, geängstigt durch die Präsenz des Todes.
Eine weitere widersprüchliche Situation in Charlotte Salomons Leben ist ihre Beziehung zu einem älteren, verlobten Mann. Sie ist tief verliebt, doch die Stellung inmitten der beiden Verlobten und der Beziehung des Mannes zu ihrer Stiefmutter, die Abschiede, Herabsetzungen und Einschränkungen setzen ihr zu. Intensiv erfasst hat sie diese Atmosphäre in ihren Bildern. Man wird Zeuge der ersten Verabredung, des Liebesgeständnisses. Und dann in einem düsteren Bild, sagt der Geliebte „Auf Wiedersehen“ und geht mit hochgeschlagenem Mantelkragen die Strasse hinunter. Charlotte Salomon aber malt sich als schwarze, auf der Straße zusammengekauerte, Verzweifelte.
Das grausamste das Charlotte Salomons Leben verdüsterte war die Herrschaft der Nationalsozialisten. Zunächst erlebte sie anti-jüdische Propaganda, Aufmärsche und Pogrome, dann kam der Vater in ein Lager. Nach seiner Entlassung floh die Familie nach Frankreich.
Hier am Meer hatte Charlotte Salomon Zeit, über Leben und Theater nachzudenken und ihre befreienden Bilder zu malen.
Leider war diese Zeit viel zu knapp, denn der Nationalsozialismus holte Charlotte Salomon wie so viele nach Frankreich emigrierte Juden ein. Sie wurde deportiert und in Auschwitz ermordet. Bestürzend und unendlich traurig ist es, dass sie, mit ihrem sensiblen Genie, wie so viele Menschen von den Schergen dieser stumpfsinnigen Ideologie ausgelöscht wurde, deren Gewalt sie so treffend in ihren Bildern festgehalten hatte.
Charlotte Salomon erzählt in ihren Gouachen ihr Leben als Theaterstück, als Singspiel. Damit nimmt sie sich den Freiraum des Irrealen. Es sind keine strikt realistischen Bilder. Doch gerade in der Expressivität und in der Distanz durch die Form des Theaterstückes kann sie umso treffender und genauer, rücksichtslos malen was war.
Ich empfehle Ausstellungsbesuche und natürlich auch den Kauf des Buches!
Die Rechte scheinen bei Kiepenheuer und Witsch zu liegen…vielleicht legen sie diesen Prachtband ja wiedereinmal auf? 
Einen kleinen, lieferbaren Band gibt es im Suhrkamp Verlag, Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon. 1917-1943: Bilder eines Lebens

Für die Seele der Stadt

Bücher vermögen Räumen Tiefe und Behaglichkeit zu geben – auch öffentlichen Räumen. Gestern bin ich in Köln einem schönen öffentlichen Bücherschrank über den Weg gelaufen.
Aus solchen Schränken kann jeder kostenlos Bücher mitnehmen und für andere einstellen.
Eine wunderschöne Idee für Lesefreude, Teilen und eine schönere Stadt!
Ich habe gleich ausgiebig gestöbert, und beim nächsten Besuch werde ich neuen Lesestoff mitbringen…
Viele Städte haben schon mitgemacht und bringen Bücher wieder in den öffentlichen Raum. Wenn ihr Euch auf den Weg macht, geht doch auch mal wieder bei einer Buchhandlung vorbei. Ich werde hier demnächst einige meiner liebsten  Buchhandlungen vorstellen: #gegendasBuchhandlungsSterben
#fürdieSeelederStadt