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Falsch gespart

vogel

Tote Vögel waren die ersten Anzeichen eines Ausbruchs des West Nil Virus. Die übertragenden Mücken vermehrten sich in ungepflegten Pools zwangsgeräumter Häuser in Kalifornien.

Politische Maßnahmen haben Auswirkungen auf die Bevölkerung die Ihnen unterworfen wird. Manche Auswirkungen sind gewollt, andere ungewollt. Anhand der Auswertungen empirischer Daten oder der Analyse nach theoretischen Modellen können Vorhersagen über diese Auswirkungen getroffen werden.

Die Autoren von Sparprogramme töten haben anhand empirischer Daten den Umgang von Staaten (-gemeinschaften) mit wirtschaftlichen Rezessionen in der Gegenwart und der Vergangenheit untersucht.

Dabei stellten Sie fest, dass wann immer in Rezessionen Sozialprogramme massiv gekürzt wurden die allgemeine Sterblichkeit sowie die Selbstmordrate statistisch signifikant anstiegen. In Ländern hingegen, in denen Sozialprogramme von Sparmaßnahmen im Zuge einer Rezession verschont blieben, hielt sich dagegen nicht nur der Gesundheitsstandard, auch die Wirtschaft erholte sich signifikant besser.

Von den Autoren untersuchte Beispiele sind unter anderem die Weltwirtschaftskrise und der „New Deal“ in den USA, die Postkommunistische Ära in unmittelbar und allmählich privatisierten Staaten, die Asienkrise und die aktuelle Wirtschaftskrise.

Sowohl Island als auch Griechenland standen im Zuge dieser Krise vor der Staatspleite. Island beantragte Hilfe beim IWF und sollte drastische Sparprogramme einführen. Nach einer demokratischen Abstimmung entschieden sich die Isländer aber dagegen die Banken auf Kosten des Sozialsystems zu retten. Stattdessen wurden die Ausgaben in diesem Bereich noch erhöht um Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Die Wirtschaft erholte sich gerade durch erhöhte Investitionen im sozialen Bereich.

In Griechenland wollte der damalige Ministerpräsident Papandreou ebenfalls zur Wahl stellen, ob das Land im Gegenzug für die Rettung der Banken einem drastischen Sparprogramm zustimmen sollte. Doch unter internationalem Druck wurde die Abstimmung abgesagt. Welche Schande, wie hier die Prinzipien der Demokratie untergraben wurden! Noch dazu, wenn man sich vergegenwärtigt welche Katastrophe sich durch die massiven Einsparungen im Gesundheits- und Sozialsystem Griechenlands abspielt.

Von einer verlorenen Generation ist die Rede, das Gesundheitssystem ist soweit kollabiert, dass sich Malaria und Tuberkulose wieder ausbreiten. Dreissig Prozent der Bevölkerung haben keine Krankenversicherung mehr, die Kindersterblichkeit ist massiv angestiegen.  Man wünscht den Griechen, dass sie damals den Sparplan ausgeschlagen hätten. Kürzlich haben sie wieder in einer demokratischen Wahl ihren Willen dazu bekundet die Vereinbarungen aufzukündigen.

Wie wichtig es ist den Effekt von politischen Maßnahmen auf Lebenserwartung und Gesundheit zu berücksichtigen und wie lohnenswert, das zeigen David Stuckler und Sanjay Basu in Ihrem Buch beeindruckend. Eine fünfpfotige Leseempfehlung!

5 pfoten copy

 

 

Von der Achtlosigkeit

Viviane Elisabeth Fauville – eine Frau Mitte Vierzig, Mutter einer kleinen Tochter, geschieden von einem Mann, der sie mit ihrer jungen Kollegin betrogen und dann verlassen hat.
Sie war sich ihrer Selbst nie gewiss und selbst dieses bisschen Gewissheit ist nun dahin, dahin bis auf die Fähigkeit, sich um das basal Notwendige zu kümmern. Um das Notwendige für ihre Tochter, ihre kleine Tochter, die mit ihr so zufrieden ist, dass sie es kaum glauben kann. Manchmal erscheint es ihr, als wäre das Kind die Mutter.  
Sie hat einen Nervenzusammenbruch, doch niemand kümmert sich um sie, auch der Psychiater scheint vielmehr gelangweilt, provoziert sie, nimmt sie nicht ernst. Er ist so achtlos ihr gegenüber, ahnt wie die meisten nicht, was in ihr steckt, und dann ist er tot.
Der Leser wird von Julia Deck hineingezogen in die Beklemmung und Verzweiflung dieser Frau. Ein spannendes Buch, ein Krimi, der vor allem von der Achtlosigkeit handelt.

Ein wunderschönes rotes Buch

Der Wagenbach Verlag feiert dieses Jahr seinen zweihundertsten Band in der Reihe SALTO. Das sind hochwertige, in rotes Leinen gebundene Bücher mit wertvollen Inhalten, die noch dazu preiswert erhältlich sind. Wahre Bücherschätze also. Ich feiere dieses Jubiläum mit dem Autor, der mich zu Wagenbach gebracht hat, und dessen Lyrik wie Prosa mich schon seit Jahren begeistert: Erich Fried.

Im Herbst 2009 erschien der 166. Salto Band, Alles Liebe und Schöne, Freiheit und Glück  Briefe von und an Erich Fried. Dieser Band, zusammengestellt von einer Gruppe von Studenten, die an der Universität Wien ein Fried Seminar bestritten hatten war für mich eine Entdeckung.

Erich Fried als Briefeschreiber kennenzulernen, und das in einem so schön zusammengestellten Band, dessen einziges Manko ist, dass man sich ihn umfangreicher wünscht, lohnt sich für jeden der Fried zu schätzen weiß.

Der Band strotzt nur so von wunderschönen Formulierungen und klaren Gedanken, nicht nur von Erich Fried, sondern auch von seinen Korrespondenten, unter anderem Heinrich Mann, Paul Celan, Jean Amery und Ilse Aichinger.

Die Briefe gewähren Einblick in die Situation in der Emigration, die Schwierigkeiten der Fluchthilfe, der Überschattung durch die Grausamkeiten im von Nazideutschland gegeißelten Europa, in die aufgeladene Stimmung zur Zeit von RAF und Rasterfahndung. Aber auch Einblicke in eine Dichterwerkstatt, in tiefsinnige und schöne Liebesbriefe, literarisches Mit- und Gegeneinander und in die Kunst auch auf tiefe Verletzungen und polemische Angriffe so zu antworten, dass die Würde des anderen wie die Eigene gewahrt bleiben.

Erich Fried nimmt sein Gegenüber ernst, und das erlaubt es ihm tiefsinnige Beobachtungen und zugleich Wärme zu vermitteln.

Paul Celan schreibt an Erich Fried, dass er sich gemeinsamen Gedanken und Gefühlen bewußt ist, die sie „nur stumm zu tauschen verstehen, weil ihre Sprache längst beim Schweigen in der Lehre steht“ (S.20) und Heinrich Mann beschreibt Erich Frieds enorme Ausdrucksfähigkeit an den Grenzen des sagbaren mit dem Lob, dass in seinen Gedichten „auch das Geahnte seinen geheimnisvollen Weg in das Wort nimmt“ (S.14).

Also, lest dieses Buch! Eine fünfpfotige Leseempfehlung für den schönen roten Band, weitere Empfehlungen zur Reihe SALTO folgen in Kürze…
PS: Eine sehr schöne Idee, dass im Innern des Buchumschlages eine bunte Sammlung von Signaturen Erich Frieds abgebildet ist…