Schlagwort-Archiv: Theater

Die Vergangenheit abschließen ohne sie wegzuschließen

Eine Schauspielerin in der Mitte ihres Lebens, erfolgreich und in geregelten Bahnen, erfährt, dass sie einen Halbbruder in Amerika hat. Ein Treffen in München, ein Foto, ein Gespräch, eine Bitte: erzähle mir von unserem Vater.
Das Leben der Frau gerät aus den Fugen, die Vergangenheit kommt aus den Schubladen, breitet sich aus und verschlingt sie. Der unbekannte Bruder scheint ihr so nah zu stehen, der Freund scheint so weit weg. Das Leben erscheint ihr plötzlich unecht, alle Gewissheiten ausgewischt. Sie fühlt sich wie eine ewig Spielende, Lügende. Die Vergangenheit hat noch am meisten Realität, denn die kann sie fühlen, so sehr, wie sie die Gegenwart nie fühlen kann. Der Schmerz aus der Vergangenheit ist überwältigend, ihre Versicherung in der Gegenwart ist, nicht mehr mitzufühlen.

Das Erzählen, das Aufschreiben ihrer Vergangenheit lässt alles einbrechen, auch diesen Schutzwall.
Ein Moment der Fürsorge: So ein Kopf hält viel aus.
Dass der Vater unter Alkohol aggressiv war und die Familie mit tragischen Folgen bedrohte und misshandelte und auch die Momente der Nähe, der Fürsorge, der Liebe, der Bemühungen des Vaters, alles steht in ihrem langen Brief an den Bruder, steht nebeneinander, darf bestehen und ein befreiendes Bild formen.

„Was wir erben“ ist ein Roman, der angefüllt ist mit bewegenden Figuren und Begebenheiten. Absurde politische Verwicklungen, Missstände, Konventionen und Vorurteile schneiden in das Leben der Protagonisten ein. Sie begegnen ihnen mit Ideologie, Opportunismus, Pragmatismus, Wahrhaftigkeit und Märchenhaftigkeit.

Das Private und das Politische sind nicht zu trennen und doch sind es die eigenen Handlungen und Gefühle, die Entscheidungen und Grundsätze, die Frage nach der Wahrhaftigkeit und Integrität der eigenen Person, die das Gewissen beschäftigen.
Was wir erben, können wir nicht bestimmen. Doch wir können ein Verhältnis zu diesem Erbe finden, es betrachten und zulassen und erzählen. Und es dadurch vielleicht abschließen, ohne es wegzuschließen. Abschließen als eine der Geschichten, die zu uns gehört und die uns prägt – aber nicht bestimmt.
Eine vierpfotige Leseempfehlung für diesen bewegenden und vergnüglichen Roman!

Der gute Mensch von Sezuan

Bertold Brecht: Der gute Mensch von Sezuan
Die Götter betrachten das Treiben und Leiden der Menschheit schon einige Zeit mit Sorge. Selbstzweifel über ihre Schöpfung treiben sie schließlich dazu, sich selbst auf die Erde zu begeben, um nach einem Menschen zu suchen, der nach Ihren Geboten leben und damit ein guter Mensch sein kann. Die Götter sind schon weit gereist, sie sind müde, traurig und erschöpft als sie endlich in der kleinen Stadt Sezuan ankommen. Niemand hat ihnen bisher Unterkunft gewährt, niemand sich als wirklich guter Mensch erwiesen. Sezuan, beschließen sie ist der letzte Ort in dem sie suchen wollen bevor sie sich das Scheitern ihrer Schöpfung eingestehen. Über den Wasserverkäufer der Stadt gelangen sie zu der Prostituierten Shen-Te. Diese gewährt Ihnen sofort ohne Ansehen ihres eigenen Vorteils Unterschlupf. Da sie in dieser Nacht nicht arbeiten kann, wird sie ihre Miete nicht mehr bezahlen Können. Die Götter erfahren von der mißlichen Lage, und beschließen ihrem ‚guten Menschen‘ ein wahrhaft moralisches Leben durch eine kleine Geldsumme zu ermöglichen. Shen Te eröffnet einen kleinen Tabackladen. Sie ist jedoch so hilfsbereit und gutmütig, daß sie in den Abgrund zurückgerissen zu werden droht. 
„Der Rettung kleiner Nachen 
Wird sofort in die Tiefe gezogen: 
Zu viele Versinkende 
Greifen gierig nach ihm.“ 
In ihrern Not verwandelt sich Shen Te in ihren Vetter Shui Ta. Als Shui Ta gelingt es ihr die eigene Existenz zu retten und ihre Wohltätigkeit als Shen Te aufzufangen. Als Shen Te sich jedoch verliebt und von einem egoistischen arbeitslosen Flieger geschwängert wird muß sie sich mehr und mehr in Shui Ta verwandeln. Der Vetter eröffnet eine Tabak-Fabrik und wird zum menschenverachtenden Ausbeuter. Der ehemalige Liebhaber Shen Tes wirft Shui ta nun vor diese ermordet zu haben und bringt ihn vor Gericht. Shen Te offenbart sich und die Götter kommen zu ihr hinab 
„Euer einstiger Befehl 
Gut zu sein und doch zu leben 
Zerriß mich wie ein Blitz in zwei Hälften. Ich 
Weiß nicht, wie es kam: gut sein zu andern 
Und zu mir konnte ich nicht zugleich 
Andern und mir zu helfen, war mir zu schwer.“ 
Brecht versteht es meisterhaft humorvoll und überspitzt darzustellen, was Adorno folgendermaßen formulierte: 
„Alle Einzelnen sind in der vergesellschafteten Gesellschaft des Moralischen unfähig, das gesellschaftlich gefordert ist,wirklich jedoch nur in einer befreiten Gesellschaft wäre.(… )Dem Einzelnen indessen bleibt an moralischem nicht mehr übrig, als [zu] versuchen, so zu leben, daß man glauben darf, ein gutes Tier gewesen zu sein.“ 
Das nach meinem Geschmack unterhaltsamste und treffendste Stück Brechts! Lesen lohnt sich! Fünf Pfoten!