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Fun Home

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Die eigene Kindheit ist im Rückblick eine unübersichtliche Landschaft, bevölkert mit prägenden Ereignissen, Momenten der Selbstentdeckung und des ständigen Wiederentdeckens der Umwelt mit neuen, gewachsenen Augen.
Die Eltern sind mehr als die ersten wichtigen Menschen. Sie sind die Unabdingbaren. Von ihnen geht die Reise der Ichwerdung aus.

Alison Bechdel erzählt in Fun Home von ihrer Kindheit und Ihrem Erwachsenwerden. Mittelpunkt ist dabei ihre Beziehung zu Ihrem Vater Bruce Bechdel, der unter verdächtigen Umständen starb. In der Erinnerungslandschaft ihrer Kindheit und in zahlreichen Dokumenten seines Lebens, sucht sie zu ergründen wer ihr Vater war und wer er für seine Familie und sie selbst war.

Alison Bechdel erfasst die Freude und die Traurigkeit des Familienlebens in allen Zwischentönen. Die Ichwerdung der Kinder ist darin eine Dynamik deren Einfluss wohl nur durch die Lebenspläne der Eltern übertroffen wird.

Der Titel evoziert eine Zweideutigkeit. Fun Home bezieht sich zum einen auf das englische Worten Fun (=Spaß) und auf eine Abkürzung für Funeral Home (=Beerdigungsinstitut). Ein solches leitete der Vater von Alison Bechdel. Dies machte nicht nur Tote zum Bestandteil des Alltags der Familie. Es band sie auch an die Provinzstadt Beech Creek.

Bruce Bechdel verbarg seine Homosexualität, die in Pennsylvania erst seit 1980 als legal anerkannt wird. Als Alison ihrer Familie mitteilt, dass sie lesbisch ist bekommt das Gebäude dieser Verleugnung schnell Risse.

Ein persönliches, berührendes und dabei künstlerisch, philosophisch und gesellschaftlich hoch relevantes Buch, dessen Lektüre Vergnügen und Erkenntnis bereithält! Ich empfehle es mit fünf Pfoten!

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The own childhood is in review a landscape hard to overlook. It is inhabited by imprinting events, moments of self-discovery and the constant re-discovery of the surronding world with new, grown eyes. The parents are more than the first important persons. They are the inevitable ones. From them, the journey of becoming oneself originates.

Alison Bechdel describes her childhood and her coming of age focused on her relationship with her father Bruce Bechdel, who died under suspicious circumstances. In the landsacpe of her childhood memories and in many documents of his life, she tries to find traces of who her father was, who he was for his family and herself.

In Fun Home Alison Bechdel grasps the joy and sorrow of living as a familiy in all its shades. The children growing up as individuals is a dynamic in families only overpowered by the parents‘ scheme of life.

Bruce Bechdel hid his homosexuality, which is only recognized as legal in Pennsylvania since 1980. When Alison informed her family that she is a lesbian, the structure of this denial is severly weakened.

This book is personal, moving and highly relevant, artistically, philosophically and societal. The reader is provided with cognition and delight! I highly recommend it!

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Auf der Suche nach Freiheit und Liebe

adrianmayfieldMitunter kann man den Eindruck gewinnen, die spannendsten, wichtigsten Bücher seien unter den Jugendbüchern zu finden. „Ich, Adrian Mayfield“ ist ein Buch, das diesen Eindruck bestärkt.

Adrian Mayfield ist sechzehn Jahre alt und arbeitet im London des viktorianischen Zeitalters als Ladendiener. Er passt nicht in diesen Beruf und wacht jeden Morgen mit einem Gefühl der Verzweiflung auf. Als er von einem homosexuellen Maler gebeten wird für ihn Modell zu stehen, eröffnet sich Adrian eine neue Welt und ein Zugang zu seinen Gefühlen und seinem Begehren.

Er erkennt, dass er Männer liebt und lässt sich auf ein Verhältnis mit dem Maler Augustus Trops ein. Er lernt eine Welt der Maler und Poeten um Oscar Wilde und Aubrey Beardsley kennen, zu der er sich zugehörig fühlt. Finanziell steht er jedoch noch immer am Rande des Abgrunds.

Bald muss er bei Augustus Trops ausziehen, der ihn darüber aufklärt, dass homosexuelle Handlungen illegal sind und mit zwei Jahren Zwangsarbeit bestraft werden können. Als seine wohlhabenden Freunde über den Sommer ins Ausland reisen wird er zum Prostituierten.

Der Charme dieses Buches liegt in der treffenden einfühlsamen Beschreibung der Charaktere, in der klaren Analyse der Verhältnisse und der Verführung zur Kunst und Literatur. Es ist ein wichtiges Buch, weil es homosexuelle Erotik und Liebe offen beschreibt. Die Absurdität und das zerstörerische Wirken ihrer Illegalisierung und Ächtung wird ebenso deutlich wie die facettenreichen Leiden an der Prostitution. Adrian erkennt „dass jedes Pfund seinen Preis hat[]. Geld war nie einfach nur Geld (…) Man musste immer irgendwie dafür bezahlen.“ (S.471) 

Ich empfehle das Buch mit fünf Pfoten.

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