Schlagwort-Archiv: Kiepenheuer und Witsch

Die Magie des Träumens

traumsammlerinDie Wollsammler sind magische Wesen. Sie leben auf Wiesen und sammeln die Träume und Gedanken, die Menschen verloren gehen.

Bei Kiepenheuer und Witsch ist ein großartiges, poetisches, bibliophiles Büchlein von Patti Smith erschienen: „Traumsammlerin„.

In diesem Buch schreibt Patti Smith über das Träumen. Sie schreibt über ihre Kindheit, über das Zeichnen und Dichten. Und über die Magie des Sich-verlierens an den Moment oder an Gedanken. Glück aber auch Schmerz, Verlust und Traurigkeit beschreibt sie erhellend und unsentimental. Ergänzt werden die Texte durch Fotos aus dem Besitz der Autorin.

Es gelingt Patti Smith das magische Denken, die Kinderspiele greifbar zu machen als einen vergessenen Schatz. Mit Ernst betrachten die Kinder die Welt, doch dieser Ernst ist lebendig und freudig: „Wie glücklich wir doch als Kinder sind. Wie die Stimme der Vernunft dieses Licht verdunkelt“ (S.103). Die poetische Beschreibung dieser kindlichen Sicht auf die Welt gelingt Patti Smith so herausragend gut, dass die eigene Erinnerung sich wieder rührt.

Patti Smith beschreibt die Entstehung von Zeichnungen und Texten aus dem Abschreiben, hineinversetzen, davonschweben in Gedanken: „Ich gestehe allerdings, das mich das Unterfangen müde machte, und ich zu einem Ort driftete, der präsenter war als ich, die dasaß und pflichtbewusst nähte, während meine Finger den Faden verloren und sich zu meinen Gedanken gesellten – anderswohin“ (S.52).

Die Träume und Gedanken die den Menschen verloren gehen sind wertvoll. Das  Kind träumt mit Leichtigkeit. Doch auch für Erwachsene ist diese Leichtigkeit zugänglich. Patti Smith erlebt mit Ihren Kindern, dass sie noch fliegen kann und lässt sich „übers Gras schweben (…), auch wenn es allen schien, dass ich noch unter ihnen war, umhüllt von menschlichen Pflichten, mit beiden Füßen auf dem Boden“ (S.105).Eine fünfpfotige Leseempfehlung für alle TräumerInnen!!!

 5 pfoten copy

Der Gegner ist der Krieg…

Drei Mädchen leben in einem israelischen Dorf. Es liegt abgelegen an der Grenze. Hier gibt es einen Handymasten, ein letztes Münztelefon, einen Videoautomaten und eine kleine Schule.
Der Enge der Dorfgemeinschaft steht die Weite der Landschaft entgegen.
Nach dem Schulabschluss werden Avishag, Lea und Yael eingezogen. Eingezogen in eine Armee, die Frauen möglichst aus der Gefahrenzone heraushält, ihren Dienst jedoch mit Strenge überwacht.
Eine der jungen Frauen muss acht Stunden lang auf Bildschirme starren, eine andere auf einen Zaun.
Jede der Frauen hat etwas zu sagen, aber es ergibt sich dazu nur wenig Gelegenheit.
Die Armee will nichts von ihnen, außer der exakten Ausfüllung der Position, in die sie gestellt wurden, so wiedersinnig das auch sein mag.
Sie verbringen viel Zeit mit Warten, mit Schauen, mit gleichförmigem Tun. Immer wieder stellt sich ihnen die Frage nach dem Sinn ihrer Handlungen.
Eine Antwort ist die Schönheit der Landschaft, das pulsierende Leben der Städte, die Tiefe ihrer Freundschaften.
Obgleich sie von Kriegsschauplätzen weit entfernt sind, erlebt jede von ihnen Grauen. Das Grauen zu genau beachteter Vorschriften ebenso wie das Grauen des Unplanbaren.
Sie sehen an den  Grenzanlagen Flüchtlinge sterben und müssen mitmachen, wenn Menschenhändler mit gültigen Pässen durchgewunken werden.
Die Autorin zeigt geschickt und eindringlich die Widersprüche und Absurditäten institutioneller Abläufe. Die Armee ist notwendig. um Israel zu schützen. Gleichzeitig scheint sie ebenso wie der Konflikt an sich, ein Eigenleben zu führen. Die Einzelnen werden auf beiden Seiten einem unmenschlichen, rationalisierenden Rahmen unterworfen. Dieser richtet sich oftmals gegen das Wollen der Einzelnen.

Das Buch „Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst“ zeigt Israel aus einer bisher weitgehend ungekannten Perspektive. Das ist enorm bereichernd und verdient eine viereinhalbpfotige Leseempfehlung mit fünf Sternen! Die lebendige eindringliche Prosa von Shani Boianjiu ist beeindruckend und sehr lesenswert!

Charlotte Salomon – Leben? Oder Theater?

Die Bilder von Charlotte Salomon haben mich tief beeindruckt, schon als ich sie auf einem Handydisplay sah. Auf der documenta 13 konnte ich dann etwa 48 Gouachen von ihr im Original sehen. Ich beschloss wenn möglich die ganze Geschichte dieses genialen künstlerisch-biographischen Theaterstücks kennenzulernen. Da die Gouachen jedoch sehr empfindlich sind, werden sie in der Charlotte Salomon Stiftung in Amsterdam im Archiv aufbewahrt und nur stückweise in Ausstellungen gezeigt.
Aber zum Glück ist im Prestel Verlag ein Band erschienen, der sämtliche Bilder versammelt. leider leider ist er inzwischen vergriffen, aber ich konnte ihn antiquarisch bekommen.
Charlotte Salomon hat ein Singspiel (Theaterstück mit Musik) geschrieben und gemalt, es sind Blätter zu wichtigen Themen ihrer Biographie, versammelt unter der grundlegenden Frage „Leben? Oder Theater?“
Im Leben von Charlotte Salomon gab es viel grausame Absurdität.
Ihre Mutter erzählte ihr sehnsüchtig vom Jenseits, bevor sie sich aus dem Fenster stürzte und sie war nicht die einzige Frau aus der Familie, die in solch tiefe Verzweiflung stürzte, auch Charlotte Salomons Tante, ihre Cousine und zuletzt ihre Großmutter begingen Selbstmord.
Charlotte Salomon setzt sich mit diesen düsteren Ereignissen meisterhaft auseinander. In einem Bild sieht man die Mutter im Bett, wie sie ihrer Tochter vom Jenseits erzählt, es ist die Szene einer Gute-Nacht-Geschichte. Doch die Tochter, der die Sehnsucht der Mutter nach diesem Ort nicht entgeht, stellt eine Bedingung: Die Mutter soll ihr schreiben, wie es im Jenseits ist, und ihr den Brief auf die Fensterbank legen. Im Bild steigt die Mutter als Engel aus dem Jenseits und erfüllt diesen Wunsch. Im Bett hält die Tochter die Mutter fest im Blick: sie will den Kontakt, will ihre Mutter nicht verlieren.
Dann jedoch passiert das Unglück und Charlotte Salomon hat in einem Bild den Prozess dieses Selbstmordes dargestellt. Die Füße der Mutter auf der Fensterbank, den Blick in die Tiefe. Der Blick von unten auf die Silhouette der Frau am Fenster, der Weg vom Bett an das Fenster. Das Bild erfasst die Atmosphäre dieser letzten Tat so genau wie ich es noch nie gesehen habe. Die Mischung aus Flucht, Verzweiflung, Willenlosigkeit und Getriebenheit. Im nächsten Bild zeigt Charlotte Salomon den aufgeschlagenen Körper, alles Leben und Handeln ist vorbei, die Mutter ist tot. 
Auf einem anderen Bild hat Charlotte Salomon dargestellt, wie übermächtig der Gedanke an den Tod der Mutter das Mädchen verfolgt. Ein großes Skelett nimmt das ganze Bild ein, dahinter sieht man das kleine Mädchen durch den Flur des Hauses laufen, geängstigt durch die Präsenz des Todes.
Eine weitere widersprüchliche Situation in Charlotte Salomons Leben ist ihre Beziehung zu einem älteren, verlobten Mann. Sie ist tief verliebt, doch die Stellung inmitten der beiden Verlobten und der Beziehung des Mannes zu ihrer Stiefmutter, die Abschiede, Herabsetzungen und Einschränkungen setzen ihr zu. Intensiv erfasst hat sie diese Atmosphäre in ihren Bildern. Man wird Zeuge der ersten Verabredung, des Liebesgeständnisses. Und dann in einem düsteren Bild, sagt der Geliebte „Auf Wiedersehen“ und geht mit hochgeschlagenem Mantelkragen die Strasse hinunter. Charlotte Salomon aber malt sich als schwarze, auf der Straße zusammengekauerte, Verzweifelte.
Das grausamste das Charlotte Salomons Leben verdüsterte war die Herrschaft der Nationalsozialisten. Zunächst erlebte sie anti-jüdische Propaganda, Aufmärsche und Pogrome, dann kam der Vater in ein Lager. Nach seiner Entlassung floh die Familie nach Frankreich.
Hier am Meer hatte Charlotte Salomon Zeit, über Leben und Theater nachzudenken und ihre befreienden Bilder zu malen.
Leider war diese Zeit viel zu knapp, denn der Nationalsozialismus holte Charlotte Salomon wie so viele nach Frankreich emigrierte Juden ein. Sie wurde deportiert und in Auschwitz ermordet. Bestürzend und unendlich traurig ist es, dass sie, mit ihrem sensiblen Genie, wie so viele Menschen von den Schergen dieser stumpfsinnigen Ideologie ausgelöscht wurde, deren Gewalt sie so treffend in ihren Bildern festgehalten hatte.
Charlotte Salomon erzählt in ihren Gouachen ihr Leben als Theaterstück, als Singspiel. Damit nimmt sie sich den Freiraum des Irrealen. Es sind keine strikt realistischen Bilder. Doch gerade in der Expressivität und in der Distanz durch die Form des Theaterstückes kann sie umso treffender und genauer, rücksichtslos malen was war.
Ich empfehle Ausstellungsbesuche und natürlich auch den Kauf des Buches!
Die Rechte scheinen bei Kiepenheuer und Witsch zu liegen…vielleicht legen sie diesen Prachtband ja wiedereinmal auf? 
Einen kleinen, lieferbaren Band gibt es im Suhrkamp Verlag, Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon. 1917-1943: Bilder eines Lebens