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Der Rhytmus der Sprache – Kinderreime

Zwei wundervolle Büchlein sind diesen Monat bei DTV in der Reihe „dtv zweisprachig“ erschienen: „Filastrocche – Italienische Kinderreime“ und „Cocuk tekerlemeleri – Türkische Kinderreime“.
Die Kinderreime sind sehr gut übersetzt und geradezu kongenial illustriert. Besonders geeignet scheinen sie mir für Eltern die ihr Kind zweisprachig aufwachsen lassen oder multikulturelle Paare. So kann ein Schatz aus der eigenen Kindheit auf einzigartige Weise geteilt werden.


Auch für Andere, die mit ihrem Kind in die Reichhaltigkeit der türkischen oder italienischen Sprache eintauchen möchte, sind die Bände eine Verlockung: Nichts prägt sich so gut ein wie reimende Sprüche und Lieder.
Einige Sprüche im türkischen Band wirken grausam, so wie viele Kinderreime weltweit, hier wäre eine Erklärung im Nachwort wünschenswert gewesen, damit man die Bedeutung einordnen kann. 
Leider fehlt der Klang, wenn man keinen Muttersprachler zur Verfügung hat…läge eine CD bei, ich würde sie abspielen und mit meinem Kind die Verse nachsprechen, so kann ich mich „nur“ an der Sprache und den Bildern erfreuen. Ich werde nun also mal meine italienischen und türkischen Freunde bitten mir die Verse aufzunehmen…vielleicht erscheint ja auch noch das passende Hörbuch bei dtv?
Eine viereinhalbpfotige Leseempfehlung für diese Buch-Kultur-Schätze!

Mascha Kaleko – In meinen Träumen läutet es Sturm

Mascha Kaleko war eine beeindruckende Frau und ist eine beeindruckende Lyrikerin. Ihre Gedichte sind lakonisch und doch gefühlvoll. Sie dichtet genauso treffend und zeitlos über die Liebe wie über die Polizei. Im Gedichtband „In meinen Träumen läutet es Sturm“ sind sämtliche unveröffentlichte Gedichte aus Mascha Kalekos Nachlass versammelt. Sie geben Einblick in Ihr Leben mit der Lyrik: Die frühen Jahre, das Exil, die letzte Zeit ihres Lebens.
Zum Abschluss bietet der Band noch einen sehr lesenswerten biographischen Text.
Gedichte sind nichts hochtrabendes unverständliches, abgehobenes.
Sie verdichten den Inhalt, schärfen ihn durch ihre Form – wenn man sich nur darauf einlässt sie zu lesen, sprechen sie oftmals direkter als ein langer Roman. Das gilt besonders für die Gedichte von Mascha Kaleko.

Unbedingt lesen! Fünf Pfoten…

Der gute Mensch ist ein Idiot

Seit seiner Kindheit leidet der Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin unter Epilepsie. Bis zu seiner Behandlung in einem Schweizer Sanatorium hatte ihn diese Erkrankung so stark eingeschränkt, daß er nach eigenem Bekunden beinahe ein Idiot gewesen war. Zu Beginn des Romans kehrt Fürst Myschkin aus seinem Schweizer Sanatorium zurück. Er fährt mit der Eisenbahn nach St. Petersburg, und obgleich er unzureichend gekleidet und mit keinerlei Geld ausgestattet ist schaut er den Menschen und den Umständen die ihm begegnen vertrauensvoll entgegen. Diese offene und Teilnahmsvolle Persönlichkeit des Fürsten läßt ihn den meisten Menschen weiterhin als einen Idioten erscheinen. Myschkin besitzt jedoch eine beinahe hellseherische Gabe im Einschätzen von Menschen und Beziehungsgeflechten und gewinnt dadurch die Achtung der anderen. Schon am Tag seiner Anreise trifft der Fürst auf zwei Frauen von denen sein weiteres Leben geprägt sein wird. Die eine Frau ist Nastassja Filippowna Baraschkowa. Die junge Frau wurde als junges verwaistes Mädchen zunächst auf Kosten des Finanzmagnaten Afanassi Iwanowisch Tozki erzogen. Als dieser ihre ungewöhnliche Schönheit bemerkt, macht er das Mädchen auf einem abgelegenen Landgut zu seiner Mätresse. Die unschuldige ‚Gefallene Frau‘ leidet an diesem Schicksal so sehr, daß sie sich ständig auf selbstzerstörerische Weise quält:
„Diese unglückliche Frau ist zutiefst überzeugt, daß sie das lasterhafteste Wesen auf der Welt ist. (…) Zwar ruft sie alle Augenblicke fast ekstatisch, daß sie keine Schuld an sich erkenne, sondern ein Opfer der Verhältnisse, eines Wüstlings und Übeltäters sei, doch was sie Ihnen auch immer sagt, Sie müssen wissen, daß sie als erste sich nicht glaubt und mit allen Fasern ihres Gewissens vom Gegenteil überzeugt ist, das heißt sich selbst für schuldig hält.“
Fürst Myschkin hat unendliches Mitleid mit Nastassja: um ihr zu helfen will er ihr seine gesamte Zukunft widmen ‚ doch er scheitert:
„Als ich versuchte, diese Finsternis zu erhellen, verursachte ich ihr damit solche Qualen, daß mir jedesmal das Herz weh tut, wenn ich an diese schreckliche Zeit zurückdenke. Es war wie ein Stich in die Brust, dessen Schmerzen nie vergehen.“ (S.595)
Die andere Frau ist die ebenfalls wunderschöne Aglaja Jepantschina, eine der drei Töchter der Generalin Jelisaweta Prokofjewna Jepantschina. Sie erscheint dem Fürsten wie ein ’neues Morgenrot‘ und er verliebt sich in sie. Aglaja, von Ihrer Familie wie ein Flaschengeist abgeschirmt und in besten Absichten unterdrückt, beginnt ebenfalls sich in den Fürsten zu verlieben:
„Ich halte Sie für einen höchst ehrlichen und wahrheitsliebenden Menschen, ehrlicher und wahrheitsliebender als alle anderen, und wenn man von Ihnen sagt, es sei mit Ihrem Verstand… ich meine, Ihr Verstand sei manchmal krank, dann ist das ungerecht, davon bin ich überzeugt (…) denn wenn Ihre Krankheit auch tatsächlich ihren Verstand beeinträchtigt (…)so ist die wichtigere Vernunft bei Ihnen doch besser in Ordnung als bei all den anderen, die davon nicht mal träumen können, denn die Vernunft hat zwei Seiten, eine wichtigere und eine unwichtige“. (S.588)
Mit dem Fürsten Myschkin hat Dostojewskij die literarische Figur des vollkommen schönen, unschuldigen und moralisch guten Menschen geschaffen. Selbst dieser Mensch vermag es jedoch nicht, sich selbst oder einen der verzweifelten, unterdrückten, beschädigten Menschen um sich herum zu erretten. Der Roman ist schon allein aufgrund der unglaublich stimmigen und präzisen psychologischen Zeichnung seiner Charaktere in höchstem Maße lesenswert! 

Das Dilemma von Entwurzelung, innerer Zerrissenheit und Ideologie,

Beginnen will ich mit einem meiner Lieblingsautoren: Fjodor Dostojewskij. Nietzsche sagte von ihm, er sei der einzige Psychologe, von dem er etwas zu lernen hatte.

Fjodor Dostojevskij Die Dämonen

Stepan Trofimowitsch Werchowenskij ist ein liberaler Schöngeist. Er lebt auf Kosten der Generalin und Gutsbesitzerin Warwara Petrowna. Einst war er der Hauslehrer ihrer Kinder, nun halten sie gemeinsam literarische Hausabende ab. Aus der Verflechtung von Warwaras aufbrausender Natur und Stepans gefühlsbetonten labilen Charakter entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit, eine Haßliebe, die durchaus auch eine Liebe hätte werden können. Die nachfolgende Generation (des höheren Standes)hat im Liberalismus Ästhetizismus und Desinteresse der Vätergeneration die Verwurzelung mit der russischen Natur verloren und ist dem Nihilismus verfallen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, welch ein Weh und welch heiliger Zorn die ganze Seele ergreift, wenn eine große Idee, die sie schon lange als heilig erkannt haben, plötzlich von Tölpeln aufgegriffen und zu ebensolchen Dummköpfen, wie sie selber sind, auf die Straße hinausgeschleppt wird und sie dann plötzlich diese Ihre Idee gänzlich unkenntlich auf dem Trödelmarkt wiedertreffen, in den Schmutz gezogen“ empört sich Stepan Trofimowitsch über diesen neuen Ungeist. Pjotr Stephanowitsch, sein Sohn, ist eben ein solcher Dämon, dem die Ideen nicht heilig sind. Er lebt für die Idee einer elitären Revolution, die in einem Totalitarismus enden soll. Sehr geschickt verstrickt er die gesamte Stadt in seinen Fäden und versucht jeden für seine Zwecke zu mißbrauchen. Nikolaj Wsewolodowitsch Stawrogin, der Sohn von Warwara, ist ebenfalls dem Nihilismus verfallen. Er quält sich in seinem Wunsch an Gott glauben zu können und sucht sich selbst zu quälen, sich eine möglichst große Last aufzuladen. Er erträgt seine Entwurzelung nicht: er würde „lieber bei Christus als bei der Wahrheit bleiben“ und geißelt sich für seine Unfähigkeit mit einer niederträchtigen Tat deren Last schließlich ausreicht sich selbst zugrunde zu richten. Alexej Nilytsch Kirillow schließlich möchte Freiheit für sich und die Menschheit erringen. Er möchte sich umbringen um den Menschen zu zeigen, daß sie frei und glücklich sind. Das alles gut ist, weil alles gleichgültig ist: „Das Leben wird jetzt für Schmerz und Angst gegeben, und hierin liegt der ganze Betrug. Jetzt ist der Mensch noch nicht jener Mensch. Es wird einen neuen Menschen geben, einen glücklichen und stolzen. Wem es ganz gleich sein wird, ob er lebt oder nicht, der wird ein neuer Mensch sein. Wer Schmerz und Angst überwindet, wird selbst ein Gott sein. Aber jener Gott wird nicht sein.“
Dostojewskij hat in seinem Roman faszinierende Charaktere geschaffen und sehr präzise und hellsichtig das Dilemma von Entwurzelung, innerer Zerrissenheit und Ideologie beschrieben. Der Roman hat einen enormen Umfang und ist dabei unübersichtlich und gebrochen. Es lohnt sich jedoch, sich durch einige Längen in der Personenbeschreibung durchzukämpfen. Erhellend ist auch die Erkenntnis, daß Dostojewskij zunächst Stepan Trofimowitsch als Hauptfigur gestaltet hat, im späteren Schreibverlauf (zu diesem Zeitpunkt waren erste Teile des Romans schon veröffentlicht) jedoch Nikolaj Wsewelodowitsch zu seiner Hauptfigur machte. Überhaupt ist Dostojewskij ein Autor, bei dem es sich stets lohnt auch den biographischen Hintergründen Beachtung zu schenken.