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Punk up!

punkalive

So verschiedene Welten. Die Graphic Novel PIL ist sehr humorvoll und doch keine leichte Kost.  Liebenswerte Charaktere geben Einblick in Unterschiede zwischen den Generationen, in unterschiedliche Lebensverhältnisse, Kennzeichen falscher und echter Freundschaft und in eine Haltung namens Punk.

Nanami wächst bei ihrem Großvater Toku auf. Er ist ihr fürsorglich zugetan und doch stellt sich immer wieder die Frage, wer hier für wen sorgen muss. Als Nanami spät nach Hause kommt, muss sie sich erstmal auf die Suche nach Toku machen. Dieser ist in die kalte Nacht gelaufen um Nanami zu finden…

Geld ist für Toku zum Ausgeben da und Nanami muss darum kämpfen, dass für die notwendigen Dinge auch noch etwas bleibt.

Nanami rebelliert gegen die strengen Regeln in ihrer katholischen Schule und die engen Rollenvorstellungen. Als sie wiederholt wegen zu langer Haare ins Lehrerzimmer bestellt wird, hat sie eine radikale Antwort darauf.

Doch eigentlich folgt sie nur ihrem Wunsch sich selbst auszudrücken und ihren Traum zu verwirklichen. Nanami möchte unbedingt nach London um die Punkbands dort zu treffen.

Eine fünfpfotige Leseempfehlung für diese sensibel beobachtete, humorvolle Graphic Novel!

5 pfoten copy

 

Zeugnis der Vernichtung

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Zeugnisse von Überlebenden sind unendlich wichtig. Sie vermögen uns zu vermitteln was geschehen ist. Mit Ihnen können wir ein Stück weit selbst erfahren was ihnen widerfuhr. Erfahren ist etwas anderes als verstehen. Manchmal ist es das Gegenteil.

Im zweiten Weltkrieg sollten ganze Bevölkerungen für den Krieg mobil machen. Nationalistische und rassistische Propaganda wurden genutzt um andere als Untermenschen zu brandmarken und Gräueltaten zu rechtfertigen. Japan hat in diesem Krieg weite Teile Asiens besetzt. Millionen Menschen wurden vom japanischen Militär getötet, gefoltert oder zu Zwangsarbeit missbraucht.

Am sechsten und neunten August wurden  Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, zwei japanische Städte mit über 200.000 Einwohnern abgeworfen.

Keiji Nakazawa beschreibt in Barfuss durch Hiroshima, Kinder des Krieges das Leben seiner Familie am Vorabend dieser Katastrophe. Er zeigt wie stark die Bevölkerung zu Kriegszwecken ausgebeutet, indoktriniert und eingeschüchtert wurde. Die Familie leidet zunehmend unter Schikanen durch Nachbarn und die Polizei da der Vater ein Kriegsgegner ist.

Als die Bombe abgeworfen wird steht der Schuljunge plötzlich nicht mehr vor seiner Schule, sondern inmitten von toten und sterbenden Menschen in einer zerstörten Stadt.

Barfuss durch Hiroshima ist ein gut zugänglicher, einfach gezeichneter Manga. Er ist ein Zeugnis und zugleich ein Versuch, die Leser aufzuklären und sie gegen Propaganda und Ideologie des Krieges misstrauisch zu machen.

Ein Klassiker der zugänglich macht, welches Grauen der Einsatz von Atomwaffen bedeutet.

Eine fünfpfotige Leseempfehlung!5 pfoten copy

 

Fun Home

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Die eigene Kindheit ist im Rückblick eine unübersichtliche Landschaft, bevölkert mit prägenden Ereignissen, Momenten der Selbstentdeckung und des ständigen Wiederentdeckens der Umwelt mit neuen, gewachsenen Augen.
Die Eltern sind mehr als die ersten wichtigen Menschen. Sie sind die Unabdingbaren. Von ihnen geht die Reise der Ichwerdung aus.

Alison Bechdel erzählt in Fun Home von ihrer Kindheit und Ihrem Erwachsenwerden. Mittelpunkt ist dabei ihre Beziehung zu Ihrem Vater Bruce Bechdel, der unter verdächtigen Umständen starb. In der Erinnerungslandschaft ihrer Kindheit und in zahlreichen Dokumenten seines Lebens, sucht sie zu ergründen wer ihr Vater war und wer er für seine Familie und sie selbst war.

Alison Bechdel erfasst die Freude und die Traurigkeit des Familienlebens in allen Zwischentönen. Die Ichwerdung der Kinder ist darin eine Dynamik deren Einfluss wohl nur durch die Lebenspläne der Eltern übertroffen wird.

Der Titel evoziert eine Zweideutigkeit. Fun Home bezieht sich zum einen auf das englische Worten Fun (=Spaß) und auf eine Abkürzung für Funeral Home (=Beerdigungsinstitut). Ein solches leitete der Vater von Alison Bechdel. Dies machte nicht nur Tote zum Bestandteil des Alltags der Familie. Es band sie auch an die Provinzstadt Beech Creek.

Bruce Bechdel verbarg seine Homosexualität, die in Pennsylvania erst seit 1980 als legal anerkannt wird. Als Alison ihrer Familie mitteilt, dass sie lesbisch ist bekommt das Gebäude dieser Verleugnung schnell Risse.

Ein persönliches, berührendes und dabei künstlerisch, philosophisch und gesellschaftlich hoch relevantes Buch, dessen Lektüre Vergnügen und Erkenntnis bereithält! Ich empfehle es mit fünf Pfoten!

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The own childhood is in review a landscape hard to overlook. It is inhabited by imprinting events, moments of self-discovery and the constant re-discovery of the surronding world with new, grown eyes. The parents are more than the first important persons. They are the inevitable ones. From them, the journey of becoming oneself originates.

Alison Bechdel describes her childhood and her coming of age focused on her relationship with her father Bruce Bechdel, who died under suspicious circumstances. In the landsacpe of her childhood memories and in many documents of his life, she tries to find traces of who her father was, who he was for his family and herself.

In Fun Home Alison Bechdel grasps the joy and sorrow of living as a familiy in all its shades. The children growing up as individuals is a dynamic in families only overpowered by the parents‘ scheme of life.

Bruce Bechdel hid his homosexuality, which is only recognized as legal in Pennsylvania since 1980. When Alison informed her family that she is a lesbian, the structure of this denial is severly weakened.

This book is personal, moving and highly relevant, artistically, philosophically and societal. The reader is provided with cognition and delight! I highly recommend it!

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Der Weihnachtsmann empfiehlt

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Das Fest kommt näher und näher, die Lieferzeiten werden länger und länger, die Kaufhäuser voller und voller und die Zeit knapper und knapper. Aber es gibt Läden mit großer Auswahl, die noch dazu innerhalb eines Tages jegliche nicht vorrätige Geschenkidee bestellen…die Buchhandlungen!

Und für jeden der gerne liest ist ein Buch ein schönes Geschenk. Übrigens auch für die, die gerade lesen lernen. Und auch für alle,  die Vorlesern lauschen.

Welches Buch geeignet ist, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Aber die gute Nachricht ist, dass es nicht nur das eine geeignete Buch gibt.

Für die Sinne und die Besinnlichkeit empfehle ich einen tollen Bildband aus dem Hatje Cantz Verlag: Presence. Christine Turnauer hat in beeindruckenden Schwarz/Weiß Aufnahmen berührende Porträts von Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen fotographiert. Das Verbindende, das durch Vertrauen gewonnen wird und alle Unterschiedlichkeit aufhebt macht die Bilder zu einer philosophischen Erfahrung.

Für Jugendliche empfehle ich den Band 1 der Mangareihe No.6, erschienen bei Egmont Manga (EMA). Eine schön gezeichnete und erzählte Geschichte um einen Jungen der zur Elite seiner Gesellschaft gehört. Eines Nachts hilft er einem Fliehenden. Und aus seinem unbestimmten Gefühl, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt wird Gewissheit.

Für Erstleser empfehle ich die Reihe Büchersterne aus dem Oetinger Verlag. Zur einfachen Ausahl sind die Bände nach Schulalter gestaffelt. Die Texte sind aus der Kinderliteratur bekannter AutorInnen. Die Texte sind altersgerecht mit großer Schrift und einfachem Satzbau abgedruckt. Von Astrid Lindgren gibt es zum Beispiel Michels Unfug Nummer 325 zu lesen.

Die wortgewandte, atemberaubend gut gezeichnete Graphic Novel Fun Home von Alison Bechdel ist meine besondere Empfehlung. Eine Geschichte über die Dynamik von familiären Strukturen. Gesagtes und Ungesagtes, gelebtes und ungelebtes innerhalb dieser entscheidenden Gemeinschaft prägt tief. Wer über liebenswerte Marotten genauso lesen möchte wie über Schmerzen der Seele, über Gender wie über Liebe, über Moral und Tabu wie über sexuelle Identität, der wird aus diesem Buch eine Menge mitnehmen.

Unterwasserwelt

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Auf dem Gelände eines Tierfriedhofes wurde ein Schwimmbad gebaut. Es ist wunderbar groß. Es hat riesige Becken, eine exotische Begrünung und Glaskuppeln als Firmament.

Die Anlage, der Bademeister, die Wasserballspieler, die Synchronschwimmerinnen, die kleineren Kinder mit ihren Schwimmflügel und Wassernudeln: von alldem hat jeder der Schwimmbäder kennt schon einmal etwas gesehen. Aber hier ist es großartiger.

Beim Tauchen im Schwimmbad die Tiefen zu erforschen, wie ein Wal oder ein Delphin, im Schwimmbad zu übernachten, dort Schätze zu finden oder Geheimnisse zu lüften – das sind Träume die in diesem Schwimmbad wahr werden.

Gefährlich wahr. Denn immer wieder verschwindet jemand im wuchernden Grün und in den abgrundtiefen Becken.

Die Graphic Novel „Eine nautische Fabel“ ist für mich die Entdeckung des Sommers. Atmosphärisch dicht, spannend und humorvoll geschrieben und gezeichnet von Marine Blandin.

Eine fünfpfotige Leseempfehlung!

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Ich:unbekannt

ich-unbekannt

 

In der Graphic Novel Wie ein leeres Blatt sitzt eine junge Frau auf einer Bank – und bemerkt plötzlich, dass sie nicht mehr weiß wer sie ist. In der Welt findet Eloise sich zurecht: sie weiß wie man die Métro benutzt, wie ein Handy bedient wird, kann sich an Bücher und Filme erinnern. Aber alles das ihre Persönlichkeit, ihre Lebensgeschichte, ihre Freunde und ihre Familie betrifft ist weg.

Eloise wagt sich also in ein Leben voller Unbekanntem. Immer wieder, wenn sie vor der fremden (eigenen) Wohnung steht oder zum fremden (eigenen) Arbeitsplatz fährt, macht sie einen mutigen Sprung ins kalte Wasser. Nicht ohne vorher in rasend schnellen Gedankenspielen überlegt zu haben, was sie alles erwarten könnte.

Was wäre wenn ich von mir nichts wüsste und meinem Leben, meiner Wohnung und meinen Freunden begegnen würde? Wie würde ich bewerten was ich sehe?Und wenn ich alles vergessen hätte, wie Eloise, was aus meinem Leben würde ich wiederentdecken wollen? Und was würde ich lieber verändern?

Die schön gezeichnete Graphic Novel spielt mit dem Thema Identität. Sie ist bis zur letzten Seite spannend und immer wieder sehr humorvoll.

Enttäuscht hat mich die kurze Episode in der Eloise ihrer Persönlichkeit in einer Gruppentherapie auf die Spur kommen will. Sie strotzt nur so vor Distanzierung vor den klischeehaft gezeichneten „Irren“.

Ich empfehle “ Wie ein leeres Blatt “  mit vier Pfoten!

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