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Vom Kommunismus zur Kommune ist es ein weiter Weg…

Kathrin Aehnlich beschreibt in ihrem Roman „Wenn die Wale an Land gehen“ zwei Phasen des Aufbruchs im Leben einer phantasievollen Frau.
Roswitha, manchmal auch Rose genannt, fliegt nach New York, auf der Suche nach ihrer Jugendliebe „Mick“. Da sie  nur eine mehrere Jahre alte Adresse zum Anhaltspunkt hat, ist ungewiss ob sie Mick finden kann. Was sie findet und entdeckt ist das Land, von dem Mick immer geträumt hat, damals in der DDR: Amerika, das Land in dem alle Bücher und Platten erhältlich sind, das Land des Rock and Roll. Sie trifft auf eine kleine Gemeinschaft, Freunde von Mick, die sich am Rande, in den Freiräumen der Gesellschaft eingerichtet hat.
Gestrandeter Wal – gestrandete Frau?
Sie denkt immer wieder zurück an die gemeinsame Jugend. An die Studienzeit in Leipzig, in der sie dem bedrückend spießigen Heimatort entkommt, die Zeit der Freiheit und Unbeschwertheit, die Freundschaft mit „Mick“, mit „Frau Pulver“ und mit „Zappa“.
Die fünf bauen sich eine Welt aus Kreativität, Genuss und Verbundenheit auf. Sie sitzen in Cafes, stöbern in Buchhandlungen, ergattern beliebte Platten, reden, feiern.
Paradoxerweise hatte Mick davon geträumt, dass sie alle in Amerika in einer Kommune leben sollten. In der spießigen DDR Realität müssen die Freunde in ihre Kinderzimmer zurück ziehen.
Sie treten ein in die Arbeitswelt, in die sie nicht hineinpassen, stoßen an allen Enden an die Ideologie, werden voneinander getrennt und machen Bekanntschaft mit der zersetzenden Macht von Spitzeln.

Es sind die letzten Jahre der DDR, doch ihnen erscheinen sie wie eine bleierne Ewigkeit aus der sie fliehen möchten.

Der Roman ist spannend und mit viel Witz und Leichtigkeit erzählt. Zugleich gelingt es der Autorin die Gewalt eines ideologischen Systems über das Leben Einzelner erschreckend deutlich zu machen.
Eine viereinhalbpfotige Leseempfehlung mit fünf Sternen für dieses Buch, das im Kunstmann Verlag in beglückend schöner Austattung erschienen ist.